
Oft sorgen große gesellschaftliche und politische Entwicklungen dafür, dass Medien ein Thema von allen möglichen Seiten beleuchten; nicht selten ist der Grund für eine Recherche aber auch ein persönliches Erlebnis. Und manchmal realisiert man dann erst im Laufe der Recherche, wie vielschichtig und komplex manche Themen oder Probleme sein können. So hätten Stephanie Wilcke und André Ammer, beide Redakteure des Verlags Nürnberger Presse, im Herbst 2024 nicht erwartet, dass sie sich mit dem Thema Notfallhilfe in Mittelfranken mehr als ein Jahr lang beschäftigen würden- und es noch immer tun.
Im näheren Umfeld der Autorin kollabiert ein Mann während eines Meetings bei seinem Arbeitgeber im südlichen Landkreis Roth. Er ist nicht ansprechbar, die Kollegen alarmieren den Rettungsdienst. Die Helfer brauchen gut 25 Minuten, bis sie eintreffen. Moment? Gibt es in Bayern nicht eine Frist von zwölf Minuten, in der ein passendes Hilfsmittel wie ein Rettungswagen bei einem Notfall eingetroffen sein muss?
Mittelfranken ist ein Sorgenkind in Sachen Rettungsdienst
Die beiden Autoren haken nach und nehmen sich zunächst den einmal jährlich erscheinenden Rettungsdienstbericht vor, der im Auftrag des bayerischen Innenministeriums vom Institut für Notfallmedizin und Medizinmanagement LMU-Klinikum München angefertigt wird. Er sammelt Daten rund um den Rettungsdienst und die dazugehörige Notfallmedizin. Zum Beispiel: Wie lange eine Fahrt in die Klinik dauert, wie oft ein Notarzt alarmiert wird. Er vergleicht die unterschiedlichen Rettungsdienstbezirke in ganz Bayern.
Beim Vergleich der Kennzahlen stellt sich heraus: Der Rettungsdienstbereich Mittelfranken kann als Sorgenkind in Bayern bezeichnet werden. Die Gründe dafür sind vielfältig. Lesen Sie hier das Hintergrund-Stück nach.
Außerdem wollten Stephanie Wilcke und André Ammer vom „Macher“ des Rettungsdienstberichts, Notfallmediziner Dr. Stephan Prückner, die Gründe erfahren, warum sich die Lage gerade in Mittelfranken so zuspitzt - und wie sich das in Zukunft auf die Versorgung auswirkt. Lesen Sie hier das Interview nach.
Im Zuge der Gespräche wird den beiden Autoren klar: Vieles, was im Gesundheitssektor schiefläuft, muss irgendwie der Rettungsdienst als letztes Glied der Kette ausbaden. Ein Pilotprojekt aus der Oberpfalz könnte aber Hoffnung auf etwas Besserung machen, kommentiert Stephanie Wilcke.
Derweil beschäftigt sich André Ammer mit der Frage: Wie viele Kliniken haben in den vergangenen Jahrzehnten in der Region ihre Notfallversorgung eingestellt beziehungsweise ihre Notaufnahme geschlossen? Denn das hat konkrete Auswirkungen auf die Nothilfe in Mittelfranken.
Und André Ammer hat sich die Frage gestellt: Könnte der Ausbau der Flugrettung die größer werdenden Lücken im Rettungsdienst schließen? Nachtflugverbote, schlechte Sichtverhältnisse, Winterwetter: Welche möglichen Hindernisse muss man berücksichtigen, damit ein Rettungshubschrauber zuverlässig in die Luft steigen kann?
Apropos längere Fahrzeiten: Die Klinikschließungen der vergangenen Jahre haben nicht nur für den Rettungsweg Konsequenzen. Laut einer aktuellen Datenanalyse müssen die Bürger eines Marktes im südlichen Landkreis Neumarkt im Durchschnitt mindestens 40 Minuten für die Fahrt zur nächstgelegenen Klinik einkalkulieren.
Sich im Slalom an planlos stehenbleibenden Autofahrern im Feierabendverkehr von Nürnberg vorbeischlängeln: Wie ist es, wenn man selbst im Rettungswagen mit Blaulicht durch die Stadt düst? Was erleben die Menschen, die uns im Notfall Hilfe leisten, und unter welchen Umständen bestreiten sie ihren Alltag? Diese Frage hat sich André Ammer gestellt und in einer Reportage darüber geschrieben, was zwei Sanitäter der Johanniter-Unfallhilfe während einer Spätschicht erlebten.
Großer Aspekt der Recherche: die Lage in der Integrierten Leitstelle in Nürnberg
Einen großen Anteil der Recherche hat die Integrierte Leitstelle (ILS) in Nürnberg eingenommen. Hier landen Hilfesuchende, wenn sie im Notfall die 112 am Telefon wählen. Laut eigenen Angaben sind die Mitarbeiter für 1,2 Millionen Menschen in der Region zuständig, wenn medizinische Hilfe oder die Feuerwehr nötig sind.
Aufgrund der Kennzahlen im Rettungsdienstbericht wurden die beiden Journalisten auf die ILS aufmerksam. Denn hier dauert es seit einigen Jahren besonders lange im Vergleich zu anderen Leitstellen in Bayern, bis nach der Annahme eines Notrufs ein passendes Rettungsmittel alarmiert wird. Warum ist das so?
Nach sehr vielen Gesprächen mit Menschen aus dem engen und weiteren ILS-Umfeld haben die beiden Autoren strukturelle und vielschichtige Probleme erkannt: Die Leitstelle leidet seit Jahren unter einer enormen Personalfluktuation und einem eklatanten Personalmangel. Menschen, die mit den beiden Autoren gesprochen haben, haben aus ihrer Sicht die Gründe dafür dargelegt. Einige Wochen später hat sich auch der Personalrat der ILS-Beschäftigten zu Wort gemeldet. Lesen Sie hier die Recherche nach.
Ebenfalls kritisch gesehen wird der Umgang mit der standardisierten Notrufabfrage, welche die ILS in Nürnberg seit einigen Jahren in Gebrauch hat. Sie ist bislang die einzige in Bayern. Die ILS-Mitarbeiter führen entlang eines Abfragebaums den Anrufenden durch ein Gespräch, im Anschluss schlägt die Software ein geeignetes Hilfsmittel vor. Während das ILS-Führungspersonal die Vorzüge ins Feld führt, bemängeln Kritiker, dass medizinisches Hintergrundwissen der Mitarbeiter keine Rolle spielt.
Das hat laut deren Erfahrungen teils groteske Folgen: Notärzte, die zu einfachen Unfällen ohne Lebensgefahr gerufen werden, oder Rettungswagen, die ohne ausreichenden Grund losgeschickt werden. Lesen Sie hier die Positionen nach.
Nach der Berichterstattung haben sich Notärzte bei der Redaktion gemeldet, die den beiden Autoren einen Einblick in ihren Alltag geben wollten. Das Fazit am Ende einer Schicht eines Notarztes aus dem Nürnberger Land: „In 14 Stunden waren es neun Einsätze, drei in Nürnberg, einer in 44 Kilometern Entfernung, weil kein näherer Arzt frei war. Er fuhr 174 Kilometer; 109 Kilometer für Einsätze, die eigentlich keine waren oder bei denen er abbestellt worden ist.“ Lesen Sie hier deren Sicht zur Lage der Inegrierten Leitstelle.











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