
Die Staatsbauten der Nazis werden oft als protzige, dysfunktionale Zyklopenarchitektur gescholten. Das ist so falsch nicht, verkennt aber, dass die Bauten vor allem eines sollten: durch ihre monolithische, unvergängliche Erscheinung beeindrucken und einschüchtern. Wahrscheinlich war diese Wirkung auch Mutter des Gedankens beim Umbau des früheren Palais Cramer-Klett, das die Stadt unlängst Gauleiter Julius Streicher als Dienstwohnsitz zur Verfügung gestellt hatte. 1935 hatten Ludwig und Franz Ruff den klassizistischen Bau in eine abweisende Trutzburg verwandelt, inklusive Balkon für den selbsternannten „Frankenführer“ und einem hohen Zaun, der Schaulustige fernhalten sollte. Hübsch sieht anders aus.
Für den Umbau nach Geschmack des cholerischen Dorfschullehrers kam einer der bedeutendsten Villenbauten Nürnbergs des frühen 19. Jahrhunderts unter die Räder - und das, obwohl Oberbürgermeister Willy Liebel den Umbau großspurig und schon nach damaligen Maßstäben zu Unrecht als denkmalpflegerische Maßnahme etikettiert hatte.
Aber wieso „Palais Cramer-Klett“? 1828 kaufte Johann Friedrich Klett den vormaligen Hesperidengarten mit seinem in Jahrhunderten entstandenen Bestand an Pflanzungen, Bauten, Anlagen und Denkmälern, das eine barocke Grotte und ein astronomisches Denkmal von Johann Georg Volckamer d. Ä. einschloss. Südlich des Gartens zwischen Keßlerstraße und Prinzregentenufer wuchs bald die Nürnberger Maschinenfabrik und Eisengießerei J. F. Klett, eine der Keimzellen der Industrialisierung in der Noris, empor. 1847 übernahm sie Kletts Schwiegersohn Theodor Cramer. An der Stelle der alten Gebäude entstand bis 1831 ein palastartiges Wohnhaus. Sein Schöpfer war mutmaßlich Leonhard Schmidtner, der sich bei seinem Entwurf von der klassizistischen Baukunst in Kongresspolen und Russland inspirieren ließ.
Die Cramer-Kletts zogen nach München und verkauften ihr Palais an die Stadt Nürnberg
Über die Jahre ließen die Cramer-Kletts Innenräume, Einrichtung und Garten immer umgestalten, prunkvolle Kachelöfen und Wandgestaltungen verschönern, etwa mit Landschaftsbildern aus der Toskana. Ab 1872 lag das Erdgeschoss wegen der Aufdämmung der späteren Äußeren Cramer-Klett-Straße rund zwei Meter unter dem Niveau der Fahrbahn, sodass fortan eine Abfangmauer den Hof gegen die Straße abgrenzte.
Nachdem die Familie ihren Lebensmittelpunkt nach München verlegt hatte, vermietete sie das Palais an Verwandte, verkaufte es 1928 schließlich an die Stadt Nürnberg. Fünf Jahre lang betrieben die Niederbronner Schwestern in den Räumen Krippe, Kindergarten, Haushaltsschule und Seniorenheim. 1931 musste das so genannte „St.-Anna-Haus“ wegen mangelnder Nachfrage schließen.
Stellt sich die Frage, warum das im Zweiten Weltkrieg stark beschädigte und hernach provisorisch instandgesetzte Palais 1954 der Abrissbirne zum Opfer fiel. Nur ein Rest der Gartenmauer an der Keßlerstraße von 1935 blieb stehen. Das alte Palais wurde zum Störkörper für die durchgehende, von Bebauung frei gehaltene Grünachse, die sich die Stadtplaner zwischen Rathenauplatz und Cramer-Klett-Park vorstellten.
Ob diese Entscheidung so schlau war, sei dahingestellt. Wir dürfen annehmen, dass die Spaziergänger ein paar Meter Umweg in Kauf nähmen, stünde eines der bedeutendsten und interessantesten Baudenkmale der frühen Nürnberger Villenkultur und Mahnmal für den Irrsinn der NS-Diktatur noch heute. Allein: Was weg ist, ist weg.
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