
Die großen Hauptstraßen in die und aus der Nürnberger City erhielten im 19. und frühen 20. Jahrhundert zumeist einen würdigen baulichen Rahmen in Form öffentlicher Großbauten und großstädtischer Mietshäuser. Im Karree zwischen Regensburger und Dürrenhofstraße dauerte es damit bis um 1905/06: Da wurde die Bahntrasse aufgedämmt und die Stephanstraße über das Areal des aufgelassenen Betriebswerks verlängert. Die neuen Bauplätze dort füllten sich rasch mit Wohnhäusern im Neubarock, Nürnberger Stil und Jugendstil.
Die Außengestaltung des besonders prominent gelegenen Eckhauses Regensburger Straße 31 lässt nicht vermuten, dass es in besagtem Zeitraum erbaut wurde, denn damals war die hier verwendete Neorenaissance in Nürnberg schon völlig aus der Mode. Der Bauherr und wohl auch Entwerfer des Hauses war der Maurermeister Adam Nicol. Geboren 1859 in Weidenberg am Fuße des Fichtelgebirges, hatte er 1884 in Nürnberg in konfessionell gemischter Ehe (was schon damals gar nicht so selten war) Eva Maria Wolf geehelicht und zwei Jahre später sein Baugeschäft dahier angemeldet.
Das Haus enthielt zur Bauzeit in den Obergeschossen je zwei Wohnungen mittleren Standards. Im Erdgeschoss betrieb Nicol seine Bierwirtschaft „Zur Union“ (was übrigens sehr viele Baukünstler damals im Nebenerwerb taten); daneben produzierten und verkauften Helene und Moritz Kort Wäschestücke und Schürzen.
Das Gebäude ist ein Beleg dafür, dass nicht alle städtischen Mietshäuser der Zeit um 1900 meisterhafte Baukunst waren: Die äußeren Fensterachsen rücken dem schlanken Eckerker viel zu dicht auf den Pelz. Weil der optisch prominenten, viergeschossigen Obergeschosszone mit ihren knallroten Klinkerwänden ein ausreichend hohes Kranzgesims oder eine Gebälkzone fehlt, wirkt der Bau wie oben abgeschnitten. Die ursprüngliche Gliederung aus Sandstein war liebevoll detailliert, wirkte aber teilweise unbeholfen, sieht man sich die krummen Bogenabschlüsse in der Beletage oder die merkwürdigen Bekrönungen der Fenster im vierten Obergeschoss an, deren schlichten Stürzen ein Keilstein gleichsam aufgeklebt war.
Leider hat der dennoch interessante Bau durch krude Eingriffe der Nachkriegszeit nicht gewonnen: Während das Haus schon im Zweiten Weltkrieg beschädigt worden und der Erker seines Spitzhelms beraubt worden war, hat ein ästhetisch überschaubar bemittelter Knauserer die neorenaissante Gliederung größtenteils abschlagen, die Brüstungsfelder am Erker mit Putz zuschmieren lassen. Weil die abgearbeiteten Sandsteinflächen über den Fenstern ziemlich merkwürdig aussahen, hat man hier auch noch den Naturstein herausgerissen und die Löcher tumb mit Ziegeln aufgefüllt. Von ein paar wichtigen Elementen hat man aber gottlob die Pfoten gelassen, so von der Rahmung des Hausportals, der Erkerkonsole und den diamantierten Fensterschürzen im ersten Stock.
Das Eckhaus Regensburger Straße 31 ist wieder einmal so ein Fall, bei dem man sich wünscht, jemand würde es liebevoll wieder zu dem machen, was es einmal war: ein etwas eigentümliches, aber würdiges und liebevoll gestaltetes Aushängeschild städtischer Baukunst an einer der wichtigsten Verkehrsadern der Stadt. Na ja, vielleicht, eines Tages ...
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