Nürnberg - Wer vom Marientunnel in die Regensburger Straße einbog, blickte bis 2016 auf den staubigen Fuhrpark eines Autohandels. Bis heute ahnt kaum jemand, dass an der Stelle der Studentenwohnanlage, die sich nun dort befindet, einst ein Palast stand.
24.05.2022 12:59 Uhr

Na gut, "Palast" mag etwas großspurig klingen, doch von außen machte das Stirnhaus in der Regensburger Straße 2 an der Ecke Köhn- und Scheurlstraße ordentlich was her. Mit seinen mächtigen, reich gegliederten Fassaden prägte die dreiflügelige Anlage mit auffälligen Risaliten und antikisierenden Dreiecksgiebeln den Auftakt zur längsten Verkehrsader Nürnbergs.

Da mutet es kurios an, dass das Bauwerk keineswegs ein Mietshaus für betuchte Großbürger war. Tatsächlich lebten darin Beamte der königlich-bayerischen Staatseisenbahnen mit ihren Familien. Auf jedem Stockwerk befanden sich zwei großzügige Vierzimmerwohnungen. Eine Treppenhaus auf kreisrundem Grundriss, dass sich im Winkel zwischen den drei Gebäudeflügeln befand, verband die Etagen. Der Hausmeister musste im dunklen Souterrain wohnen.

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Auch die dicksten Blechkisten vermochten die Wunde nicht zu verbergen, die der Abbruch des Hauses und seiner Nachbarn 1975 ins Weichbild Glockenhofs riss.   © Boris Leuthold

Planer des Anwesens war das Hochbau-Bureau der Generaldirektion der Staatseisenbahnen mit Sitz in München. Dies mag erklären, weshalb man – von der Wahl des Sandsteins als Baumaterial abgesehen – kaum Rücksicht auf die Nürnberger Architekturtradition nahm. Stattdessen errichtete die Bahn ein Bauwerk im klassizistischen Stil, das so auch in Augsburg, Landshut oder Hof hätte stehen können.

Bahn gab es dem Verfall preis

Die Bauarbeiten begannen 1893. 1895 konnten die ersten Familien ihr neues Heim beziehen. Im Zweiten Weltkrieg wurde das Haus Regensburger Straße 2 beschädigt und musste mit einem Notdach versehen werden. 1951 riss man Nordgiebel und Teile des Abschlussgesimses ab, da sie auf den Gehweg zu stürzen drohten.

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Heute wohnt hier nicht nur ein Student, sondern viele. Der Vorgarten von einst ist leider der maximalen Bodennutzung zum Opfer gefallen, doch immerhin: Eine schmerzliche Wunde im Stadtbild ist nun geschlossen.   © Boris Leuthold

Unfassbar: Obwohl eine Instandsetzung offenbar möglich war, gab die Deutsche Bundesbahn das stadtbildprägende Haus dem Verfall preis. Nachdem es seit Kriegsende unbewohnt vor sich hingerottet war, waren die Fassaden 1975 so marode, dass nicht einmal die Gerüste für den Abbruch daran befestigt werden konnten. Zerstört hat man das Haus trotzdem, aufgrund des Verfalls vermutlich mit immensem Geldaufwand.

Danach fristete das städtebaulich prominente Filetgrundstück jahrzehntelang ein trauriges Dasein als Abstellfläche einer Gebrauchtwagenhandlung. Die wüste Schotterfläche mit ein paar spärlichen Pionierpflanzen, der provisorische Verkaufscontainer und die nackte Brandwand des Wohnblocks Köhnstraße 43/45 perfektionierten das triste Bild einer innerstädtischen Brache, die ein wenig an verödete US-amerikanische Innenstädte erinnerte.

Erst 2015 wendete sich das Blatt: Da begann die schwäbische i-Live-Gruppe mit den Planungen für einen Neubau auf dem Grundstück, die bis 2019 zur Umsetzung kamen. Wo einst Beamtenfamilien residierten, wohnen heute Studierende und Jungakademiker in 147 Mikro-Appartements nebst Gemeinschaftsräumen, Kfz- und Fahrradstellplätzen.

Wuchtiger Neubau überzeugt

Im Gegensatz zu seinem klassizistischen Vorgänger nutzt der Neubau jeden Quadratmeter des Grundstücks, inklusive den bis vor Kurzem ebenfalls brachliegenden Parzellen Regensburger Straße 4 und 6, aus und wirkt mit seinen vier Obergeschossen plus Attikageschoss ein wenig zu mächtig inmitten der eher kleinteiligen Bebauung des 19. und 20. Jahrhunderts rundum.

Gleichwohl vermögen der offene Laubengang im Erdgeschoss und die horizontalen Fensterbänder den gewaltigen Baukörper angenehm zu beleben. Der überhöhte Kopfbau an der Kreuzung Köhnstraße zitiert die Manier der vorletzten Jahrhundertwende, die Gebäudeecken architektonisch besonders hervorzuheben, in zeitgenössischer Form.

Einladung zur Bootstour

Aller Unterschiede zwischen einst und jetzt zum Trotz schließt sich mit den neuen Studi-Appartements in gewisser Weise der Kreis zwischen unserer alten Ansichtskarte und heute: Denn es war ausgerechnet ein Student, ein gewisser Gustav Lang – er hat sein Zimmer im Hochparterre markiert –, der die Karte 1912 an Fräulein Dora Körner sandte, um sie zu einer romantischen Bootsfahrt einzuladen: "Liebes Fräulein Dora! Ich erlaube mir, Sie sowie Frl. Emma für nächsten Sonntag nachmittags 3 Uhr bei ganz schönem Wetter zum Kahnfahren auf dem Dutzendteich einzuladen. Ich werde Eisenbeiß mitteilen, auch zu kommen, ebenso Herrn Schwarzer. In der Hoffnung, daß Sie u. Frl. Emma auch einverstanden sind, grüßt Sie und werte Angehörige bestens Ihr Couleurherr Gustav Lang."

Warum Gustav lieber fünf Pfennige für eine Briefmarke opferte, anstatt die Karte persönlich bei seinem Gspusi Dora einzuwerfen, die nur zehn Gehminuten entfernt an der Neubleiche wohnte? Wir wissen es nicht, und leider auch nicht, ob es was wurde mit der Bootsfahrt und der zarten, jungen Liebe.

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