Berlin - Es gibt einen ganz guten Test dafür, wie ernst es Politiker mit der Demokratie nehmen, stellt Harald Baumer in seinem Kommentar fest: Wie sprechen sie über Wahlen und wie gehen sie mit Niederlagen um?
29.10.2026 12:56 Uhr

Kaum hatte er die Wahl verloren, da saß der brasilianische Präsidentschaftskandidat Flávio Bolsonaro schon im Flugzeug Richtung USA, wo er nun als eine Art politisch Verfolgter von Trumps Gnaden eine neue Heimat finden wird. Bolsonaro junior sprach, wenig überraschend, von einem „Wahlputsch“, dem er zum Opfer gefallen sei. Man hätte darauf wetten können, dass er das tun wird.

Zwischen Demokraten und solchen, die sich nur so nennen, gibt es ein ganz gutes Unterscheidungsmerkmal: Die einen akzeptieren Wahlniederlagen, die anderen fangen schon im Vorfeld damit an, Zweifel an deren regulärem Ablauf zu säen. Und sie bleiben dann beharrlich bei dieser Geschichte.

Bei Trump ist der nie bewiesene Wahlbetrug geradezu ein Lebensthema

Bei Donald Trump ist es geradezu zu einem Lebensthema geworden, dass man ihm 2020 die Wahl gestohlen habe. Beweise dafür kann er nicht vorlegen, aber das ist ihm auch egal. Es reicht ja die Behauptung. „Offen gesagt, wir haben die Wahl gewonnen“, stellte er fest, als Millionen Stimmen noch gar nicht ausgezählt waren. „Wir werden niemals unsere Wahlniederlage eingestehen“, sagte er Wochen später, bevor es zum Sturm auf das Kapitol kam.

Die beiden Male, als er selbst erfolgreich war, akzeptierten die Unterlegenen Hillary Clinton und Joe Biden unverzüglich den Ausgang der Wahl. Sie hatten auch nicht während des Wahlkampfes schon an Legenden gestrickt, dass ihnen der Sieg geraubt werden soll.

Anti-Demokraten haben es nach ihrer Denkart einfach. Verlieren sie, kann es natürlich nur an unlauteren Methoden der Konkurrenz gelegen haben. Gewinnen sie, lag es eben an ihrer großartigen Persönlichkeit. Zuvor geäußerte Zweifel werden mit keinem Wort mehr angesprochen.

In Deutschland sind uns solche Methoden weitgehend fremd. Doch die AfD hat ebenfalls schon einige Versuche unternommen, das zu ändern. In Sachsen-Anhalt etwa sagte der jetzige Landtags-Vizepräsident Hans-Thomas Tillschneider vor der Wahl: „Ich bin mir gar nicht mehr so sicher, ob nicht jetzt schon bei der Briefwahl manipuliert wird“. Der mögliche nächste Ministerpräsident Ulrich Siegmund räumte im Zusammenhang mit Wahlbetrug ein: „Belegen kann man das nicht. Aber wir alle wissen doch, wie das oftmals läuft.“

Schon früh vor dem Wahltag werden erste Zweifel gesät

Geraune, Hörensagen, Vermutungen, das Aufblasen von Einzelfällen - so wird für Verunsicherung gesorgt und ganz nebenbei die eigene Basis motiviert. Und hat man dann wie die AfD mit 43,8 Prozent klar gewonnen, ist natürlich keine Rede mehr von Manipulationen. Das Argument hat ja seine Schuldigkeit getan.

Neben vielen anderen Dingen wie Inhalte und Profil der Kandidaten ist es geradezu ein demokratischer Lackmustest für Politiker, wie sie über Wahlen reden und wie sie mit Niederlagen umgehen. Darauf sollten wir als Wählerinnen und Wähler achten, wenn wir keine Trumps und keine Bolsonaros wollen.