
Als die Kreuzkirche am 15. September 1963 feierlich eingeweiht wurde, fehlte in den Rängen der Ehrengäste ein Name: Ein Autounfall hatte Architekt Olaf Andreas Gulbransson kurz nach Baubeginn zwei Jahre zuvor aus dem Leben gerissen. Vielleicht hätte er sonst das statische Desaster rechtzeitig erkannt, das diesen Meilenstein Nürnberger Nachkriegsbaukunst heute plagt.
Bereits 1932 hatte die Evangelisch-Lutherische Pfarrgemeinde das Baugrundstück an der noch weitgehend unbebauten Lochnerstraße erstanden. Die Gottesdienste fanden aber aus Geldmangel bis 1945 in einem Betsaal im Haus Elisenstraße 3 statt. 1958 konnte man endlich einen beschränkten Architekturwettbewerb für den ersehnten Neubau in die Wege leiten, aus dem Gulbransson als Sieger hervorging.
Die Vorliebe des Architekten für einfache geometrische Baukörper, die eine geradezu skulpturhafte Fernwirkung besitzen, spricht sich auch im Entwurf der Kreuzkirche aus: Neben dem freistehenden Glockenturm (Campanile), der die Form eines schlanken Zylinders mit flachem Spitzhelm hat, erheben sich, durch die verglaste Eingangshalle verbunden, Taufkapelle und Gemeinderaum. Ihr sechseckiger Grundriss kann symbolisch gedeutet werden als Verweis auf die Allmacht Gottes oder das Sechstagewerk der Schöpfung.
Die Fensterstreifen unter der Kirchendecke sorgen für eine mystisch anmutende Belichtung
Am Außenbau kontrastieren vertikale, durch Betonelemente gerahmte Fenster mit horizontalen Sichtbetonbändern und roten Ziegelwänden. Letztere heben sich zudem effektvoll vom Grün des umgebenden Lochnerparks ab. Dem Duktus der Kirche folgte auch Architekt Karl-Heinz Schwabenbauer, als er der Kirche 1971 das Gemeindehaus zur Seite stellte. Im Inneren des Gotteshauses stehen die weiß gefassten Ziegelwände neben grauem Sichtbeton und lasierten Holzoberflächen. Die Fensterstreifen und Lichtfugen unter der Decke sorgen für eine sanfte, geradezu mystisch anmutende Belichtung, wie sie die Kirchenbaukunst der Nachkriegsjahre so sehr schätzte.
Aber nicht nur der Bau selbst, auch weite Teile der Einrichtung gehen auf Olaf Andreas Gulbransson und seine Ehefrau Inger zurück. Neben Leuchtkörpern, Emporenbrüstungen und Bänken entwarfen sie die Draht- und Glasplastik mit der Ausgießung des Heiligen Geistes in der Taufkapelle und die bronzenen Türdrücker, die im Relief die vier Evangelisten und die Auferstehung Christi zeigen. Das schwebende Altarkreuz hingegen ist ein Werk des Münchener Bildhauers Karl Hemmeter.
Eines der schönsten und raumbestimmenden Elemente aber ist auch das größte Problem des Bauwerks: Das gewaltige, den Gemeinderaum überspannende Faltdach mit Hohlkastenträgern, das von einem Stahlbeton-Ringanker und Rundpfeilern gestützt wird, gilt als einsturzgefährdet, sodass die Kirche seit 2004 nicht mehr genutzt werden kann. Und so steht sie seit heuer 22 Jahren ungenutzt herum.
Doch selbst wenn eine Rettung endlich gelänge, sie wäre viel zu groß für die arg geschrumpfte Gemeinde. An Ideen für eine Instandsetzung und Rettung dieses bedeutsamen Denkmals der Nachkriegsbaukunst mangelt es zwar nicht, doch keine hat bisher zum Erfolg geführt. Es bleibt also zu hoffen, dass die Kreuzkirche nicht das Schicksal so vieler Kirchen ihrer Zeit teilt und der Abrissbirne zum Opfer fällt. Dieses Baudenkmal der Moderne hat Besseres verdient.
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