
Nachdem Nürnbergs Bevölkerung seit der Reformation fast ausnahmslos lutherischer Konfession gewesen war, wendete sich Mitte des 19. Jahrhunderts das Blatt: Um 1900 war fast ein Viertel der Einwohner katholisch. Allein, es mangelte den Gläubigen an Gebetsstätten. Für deren Bau mussten die Gemeinden selbst aufkommen. Sie waren auf Spenden und Lotterien angewiesen, um die gewaltigen Summen für Planung, Bau und Ausstattung stemmen zu können.
Auch im Nürnberger Nordwesten gründete sich ein rühriger Kirchenbauverein. Der hatte das unfassbare Glück, dass ihn eine wohlhabende Ordensschwester aus dem fernen Luxemburg mit einer äußerst großzügigen Stiftung bedachte. Jener Margareta Michaela Roeckerath verdankt die Kirche denn auch ihr Patrozinium nach dem Erzengel.
Der Architekturwettbewerb für St. Michael in Nürnberg hatte genaue Vorgaben
Nachdem Finanzierung und Bauplatzfrage zu Gunsten einer Parzelle im Herzen des Stadtteils Neuwetzendorf geklärt waren, trat 1907 die „Gesellschaft für christliche Kunst“ auf den Plan und schrieb im Namen der Gemeinde einen Architekturwettbewerb aus. Die Vorgaben: Die Kirche musste mit dem Chor nach Norden ausgerichtet werden und durfte nicht im neugotischen Stil gestaltet werden, da dieser bei den neuen Kirchen der Stadt schon überrepräsentiert war. Da traf es sich, dass mit Hans Grässel und Hans Schurr zwei namhafte Baukünstler in der Jury saßen, die als eiserne Verfechter des Neubarock galten. Gebaut wurde schließlich der Entwurf des Zweitplatzierten Otto Schulz. Nach rund zwei Jahren Bauzeit konnten Kirche und Pfarrhaus am 25. September 1910 feierlich eingeweiht werden.
Die Neuwetzendorfer Katholiken brachten es finanziell auf die Kette, ihrem Gotteshaus bis zur Erhebung zur Pfarrkirche 1922 eine reiche, stilgerechte Ausstattung zu spendieren: Das Gestühl mit lebhaft geschwungenen Wangen, die Kanzel und die drei opulenten Säulenaltäre fertigte die Firma Stärk & Lengenfelder nach Entwürfen von Philipp Widmer. Die Gemälde lieferten die Münchener Carl Johann Becker-Gundahl und Felix Baumhauer.
Wer allerdings hofft, diese Pracht noch heute bestaunen zu dürfen, fällt nach Betreten von St. Michael glatt rückwärts wieder zur Tür hinaus. Nicht etwa die unselige Ausräumerei und Vereinfacherei der Zeit nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil, sondern britische Luftangriffe haben 1944-45 die neubarocke Pracht nahezu ausradiert. Nur ein paar Schnitzfiguren und der Rahmen des Auszugsbildes eines Seitenaltars haben das Inferno überlebt.
Daher präsentiert sich St. Michael seit Abschluss des Wiederaufbaus 1950 innen mit seiner originalen Raumschale, aber moderner Ausstattung, die zuletzt 1968-72 erneuert wurde. Neben den beiden Bildteppichen an den Seitenwänden nach Entwurf von Maria Regina Holzhausen fallen die abstrakte, kugelförmige Plastik des Pfingstwunders über dem Altar und das Chorgestühl von Heinz Heiber auf. Von der interessanten, historisierenden Ausstattung der späten 1940er Jahre ist die Altarfigur des Kirchenpatrons von Franz Josef Amberg erhalten, die heute die Südfassade ziert.
Übrigens: Auch der Turm von St. Michael hat nach dem Krieg eine entscheidende Veränderung erfahren. Die ist – abgesehen von den Ziffernblättern der Uhr aus Bandstahl – aber so einfühlsam gemacht, dass sie nur erkennt, wer den Vorkriegszustand gesehen hat. An Stelle der doppelten Glockenhaube von einst bekrönt ihn nun eine Zwiebelhaube. Und die macht St. Michael noch altbairischer als ohnehin schon.
Diese Serie lädt zum Mitmachen ein. Haben Sie auch noch alte Fotos von Ansichten aus Nürnberg und der Region? Dann schicken Sie sie uns bitte zu. Wir machen ein aktuelles Foto und erzählen die Geschichte dazu. Per Post: Nürnberger Nachrichten/Nürnberger Zeitung, Lokalredaktion, Kressengartenstraße 4, 90402 Nürnberg; per E-Mail: redaktion-nuernberg@vnp.de
Noch mehr Artikel des Projekts „Nürnberg - Stadtbild im Wandel“ mit spannenden Ansichten und Hintergründen finden Sie unter www.nuernberg-und-so.de/themastadtbild-im-Wandel oder www.facebook.com/nuernberg.stadtbildimwandel
Aufwändig recherchierte Artikel wie dieser sind in der Regel nur für Abonnenten lesbar – als besonderes Geschenk stellen wir diesen Text aber allen Nutzern zur Verfügung. Alle exklusiven Inhalte lesen Sie hier auf NN.de







Keine Kommentare