
Monatelang schien es wie festzementiert: Die CDU hatte in den Umfragen zu den Landtagswahlen von Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz einen satten Vorsprung vor der Partei, die bisher den Ministerpräsidenten stellte. Stabile sechs bis acht Prozentpunkte waren das. Kaum jemand hielt es für möglich, dass sich noch etwas ändert.
Und nun geschieht genau das. In beiden Ländern liegen Erst- und Zweitplatzierter ganz knapp beieinander, nur noch ein bis zwei Prozentpunkte trennen sie voneinander. Wie konnte das geschehen? Es ist gar nicht so kompliziert, wie es im ersten Moment scheinen mag.
Plötzlich scheinen die Wähler die Erfahrung und das Alter von Cem Özdemir mehr zu schätzen
Zunächst zu Baden-Württemberg: Hier litt der CDU-Spitzenkandidat Manuel Hagel (37) von Anfang an daran, dass er sehr unbekannt war und stets etwas jungenhaft wirkte. Die früheren Ämter des Konkurrenten Cem Özdemir (60) kann man hingegen kaum alle aufzählen. Europaabgeordneter, direkt gewählter Bundestagsabgeordneter, Bundesminister, Spitzenkandidat der Grünen bei einer Bundestagswahl, Ausschussvorsitzender. Je länger die Württemberger und die Badener nachdenken, desto wichtiger scheint ihnen die Erfahrung von Özdemir zu sein.
Dass Hagel aus den Reihen der Grünen mit einer unangemessenen, acht Jahre zurückliegenden Äußerung über eine minderjährige Realschülerin während eines Interviews konfrontiert wurde („Eva, braune Haare, rehbraune Augen“) hat ihm sicher nicht genutzt, dürfte aber gegenüber den anderen Argumenten nicht entscheidend gewesen sein. Zumal es ein Geschmäckle hat, wenn solch ein lange zurückliegender Vorfall ausgerechnet ganz kurz vor einer Wahl öffentlich gemacht wird.
Ein nicht zu unterschätzender Faktor ist es, dass die Baden-Württemberger nach 16 Kretschmann-Jahren keine Angst mehr vor einem grünen Ministerpräsidenten haben. Sie haben erfahren, dass sich der Amtsinhaber ohne Rücksicht auf seine Partei für konservative Themen wie die Stärkung der Automobilindustrie und die Steuerung der Migration einsetzte. Ähnlich würde es wohl bei Özdemir sein.
Bei Rheinland-Pfalz liegt die Sache etwas anders. Zwar hat die SPD keine(n) Volkstribun(in) wie Kurt Beck oder Malu Dreyer mehr anzubieten, aber Alexander Schweitzer schaffte es in eineinhalb Jahren immerhin, ansatzweise ein Profil zu entwickeln. Darüber verfügt sein Herausforderer Gordon Schnieder (CDU) gar nicht. Das könnte letztlich der entscheidende Aspekt sein. Schon oft hat man es bei Landtagswahlen erlebt, dass ein Landesvater quasi im Alleingang den Sieg holte. Man denke nur an Dietmar Woidke in Brandenburg und Reiner Haseloff in Sachsen-Anhalt.
Mit immer neuen Spitzenkandidaten hat sich die CDU keinen Gefallen getan
Die Christdemokraten haben in beiden Ländern den Fehler gemacht, seit Jahrzehnten fast bei jeder Wahl auf neue Spitzenkandidaten zu setzen und keinem die Zeit zur langfristigen Profilierung zu geben. Das könnte sich jetzt rächen. Oder auch nicht, wenn sie Glück haben und ihren minimalen Vorsprung halten. So spannend ist die Demokratie.


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