Berlin - Die Tonlage wird gereizter: Die Wirtschaft drängt auf Reformen, Gewerkschaften beklagen Bürger-Beschimpfung. In so einem Klima kann kein Aufbruch entstehen, kommentiert Alexander Jungkunz. Er vermisst eine positive Vision für Deutschlands Zukunft.
06.02.2026 15:46 Uhr

Verwaltungsakte? Laufen digital schnell und reibungslos, maßgeschneiderte Künstliche Intelligenz (KI) entlastet das Personal dort. Es hat deshalb mehr Zeit für die vor allem älteren Kunden, die persönliche Beratung brauchen.

In den Firmen steigt die Produktivität, weil etliche Quäl-Faktoren wieder wegfallen, die zuletzt für mehr und mehr Verwaltungsaufwand sorgten: aufwendige Zertifizierungen, mehr oder weniger sinnvolle Schulungen, Dokumentationspflichten etc. - weg damit.

Niedrigere Abgaben machen die Annahme einer Arbeit attraktiver, weil den Menschen mehr netto bleibt. Das kurbelt das Wachstum an und damit die Einnahmen des Staates. Der fördert damit gezielt Bildung oder Start-Ups, die im Umfeld größerer Konzerne entstehen und sie mit Innovationen vorantreiben.

Zu viele in Deutschland vergeuden ihre Energie mit Destruktion und Giftigkeiten

Alles eine Illusion, nur ein Traum? Momentan schon. Da vergeuden zu viele in Deutschland ihre Energie mit Destruktion und Giftigkeiten. Die Arbeitnehmer? Zu faul, zu oft krank, zu viel Lifestyle und Work-Life-Balance. Die Arbeitgeber? Zu fordernd, zu jammernd, nicht innovativ genug.

So macht sich ein Land gegenseitig nieder. Wem hilft das? Nur denen, die selbst miese Stimmung schüren - den Populisten, die an die Macht kommen wollen. Aber: Gerade Deutschland hat mehrfach gezeigt, dass es auch anders geht. Gemeinsam. Mit- statt gegeneinander.

Das hieß mal Soziale Marktwirtschaft, später Konzertierte Aktion, dann Bündnis für Arbeit. Im Konsens von Tarifpartnern (die Betonung liegt auf „Partner“) lag eine Stärke der Republik. Man machte Abstriche von Maximalzielen und kam mit Kompromissen voran.

Warum soll das nicht wieder gelingen? Gerade bei einer Koalition, die Wirtschaft (Union) und Arbeit (SPD) vereint? Müsste es nicht genau dort klappen, Lösungen zu finden, die allen etwas abverlangen - damit alle gewinnen?

Dass sich Staaten modernisieren können, zeigen immer mehr Nachbarn

Dass sich Staaten modernisieren können, zeigen immer mehr Nachbarn. Dass wir Reformen brauchen, ist seit Jahr(zehnt)en bekannt. Wenn wir so weitermachen, reichen die Staatseinnahmen ab 2029 nur noch für Soziales, Zinslast und Verteidigung, rechnet die Nürnberger Wirtschaftsweise Veronika Grimm vor.

Sie zieht aus der alarmierenden Prognose aber zu einseitige Schlüsse, setzt vor allem auf Einschnitte. Die wird es geben müssen. Aber: Es braucht ein Mindestmaß an Gerechtigkeit, um den sozialen Frieden zu bewahren. Die Erbschaftsteuer muss reformiert werden, sie muss kleinere Erbschaften weniger, hohe dagegen stärker erfassen. Darauf drängen immer mehr Experten. Die Union sollte auf sie hören.

Nur wenn die Politik den Menschen eine Vision für eine Zukunft zeigen kann, die zumindest nicht schlechter wird, sondern im Idealfall besser - nur dann wird sich die Regierung behaupten können gegen die autokratische Gefahr, die auf ihr Scheitern lauert. Daher braucht es den Mut zu Reformen wie zur Partnerschaft der Demokraten. Reden sie sich weiter nieder, dann reden sie ihre Feinde weiter stark.