Berlin - Wieder eine Regierungserklärung im Bundestag: Friedrich Merz skizzierte Deutschlands Herausforderungen in einer radikal veränderten Welt. Es wird Zeit, all die Appelle in Taten umzusetzen, kommentiert Alexander Jungkunz.
29.01.2026 16:06 Uhr

Es ist schon wieder Zeitenwende. Epochenbruch. Zäsur. Wir erleben live, wie sich die Weltordnung ändert, die wir jahrzehntelang kannten. Und von ihr profitierten: Feste Blöcke, verankerte Partnerschaften, ungerecht verteilte Aufgaben. Für unsere Sicherheit waren die USA verantwortlich, mit der Nato. Für die Energie sorgte vor allem Russland. Für das Wachstum lange China als Riesen-Markt.

Alles vorbei. China ist zusehends autark und exportiert selbst. Geschäfte mit dem Kriegsherrn in Moskau verbieten sich ebenso wie neue Abhängigkeiten. Und die USA sind unter Trump definitiv nicht mehr Partner, sie drohen zum Gegner zu werden.

„Sitzen wir nicht am Tisch, sind wir auf der Speisekarte“

Diese Erkenntnisse sind nicht neu - am frischesten ist der mögliche Bruch mit einem autokratischen Amerika. Wir müssen also weg von diesen Abhängigkeiten, in Europa und in Deutschland. Mit mehr Zusammenarbeit, neuen Partnerschaften, wieder zu gewinnender Stärke. Sonst droht das, was Kanadas Premier Mark Carney vergangene Woche in Davos auf den Punkt gebracht hat: „Die Mittelmächte müssen zusammenarbeiten. Sitzen wir nicht am Tisch, sind wir auf der Speisekarte.“ Das Abkommen der EU mit Indien war da ein erster, wichtiger Schritt.

Nun skizzierte Bundeskanzler Merz im Bundestag, was daraus für Deutschland folgen muss. Erstens: mehr eigene Verteidigungsfähigkeit, mehr Souveränität bei der Entwicklung digitaler Technologien. Zweitens: mehr Wachstum als Voraussetzung für „weltpolitische Gestaltungskraft“. Drittens: Geschlossenheit als Schlüssel zur Stärke.

Alles richtig. Und alles schon mal erwähnt, gefordert, angekündigt. Auch Merz‘ schlüssiges Konzept im Bundestag war ja wieder - nur - eine Rede. Noch kein Handeln. Da muss vieles schneller gehen - auf deutscher und auf EU-Ebene. Wir haben vergangene Woche gesehen: Selbst Trump reagiert, wenn es Gegendruck auf seinen Druck gibt. Wenn Attackierte standhaft bleiben und sich wehren. Daher - und wegen der Reaktion der Finanzmärkte - zog er seine Drohungen zu Grönland und neuen Strafzöllen zurück.

Es braucht immer erst Druck, damit Europa wirklich handelt - das sagte nun auch Merz: „Es waren immer externe Schocks und Ereignisse, die dazu geführt haben, dass sich Europa und Deutschland weiterentwickelt haben.“ Ähnlich äußerte sich gerade Karl Schlögel, der kluge Kenner des Kontinents. Der Historiker sagt, es sei eine „Lehre aus der Vergangenheit Europas, dass es sich in scheinbar ausweglosen Situationen immer wieder aufgerappelt hat... Vielleicht ist der Abstand zu Amerika doch nicht so uneinholbar und die Ausdauer im Kampf gegen Putins Urbizid (Städtemord) in der Ukraine größer, als es dem dekadenten Europa der russischen Propagandisten nachgesagt wird. Wenn, ja wenn wir die Kräfte Europas bündeln.“

Merz und Schlögel skizzieren, was zu tun ist. Die Regierenden sollten rasch ans Umsetzen gehen - und wir müssen realisieren, in einer anderen Welt zu leben, die uns alle herausfordert.