Nürnberg - Ein Jahr dauert Donald Trumps zweite Präsidentschaft nun. Die Bilanz fällt verheerend aus. Niemand sollte sich mit Blick auf die Zukunft der US-Demokratie zu sicher sein, kommentiert NN-Chefredakteur Michael Husarek.
18.01.2026 19:00 Uhr

„Wir sind auf dem Weg in Richtung instabile Demokratie(...). Weder die Demokratie noch die Autokratie ist derzeit gefestigt.“ Diese Aussage eines der renommiertesten Politikwissenschaftlers der USA, Steven Levitsky, bringt auf den Punkt, wohin Donald Trump die Vereinigten Staaten gebracht hat: In die Nähe eines Kipppunkts.

Aus der Klimadebatte wissen wir, dass solche Kipppunkte an einem bestimmten Moment eine unumkehrbare Eigendynamik entwickeln - sprich: Ist die Demokratie ausgehöhlt, sind es nur noch kleine Schritte bis zu einem Systemwechsel. An diesem Punkt, das ist die Mut machende Nachricht zum einjährigen Jubiläum der zweiten Amtszeit Trumps, sind die USA noch nicht angelangt. In Washington zeigt sich vielmehr ein angeschlagenes demokratisches System, dessen Abwehrkräfte noch vorhanden sind. Allerdings: Diese Widerstandsfähigkeit schrumpft von Tag zu Tag.

Der Trumpismus arbeitet zuverlässig wie eine gut geölte Maschine

Denn der Trumpismus arbeitet zuverlässig wie eine gut geölte Maschine. Im Hintergrund ziehen Ideologen die Fäden, sehr stringent, sehr klug. Männer, die nicht in den Vordergrund drängen. Für den Zusammenhalt des scheinbar so wechselhaften Agierens Trumps sind sie jedoch unverzichtbar. Bemerkenswerterweise ist es den Trump-Truppen bislang gelungen, die permanente Geschäftemacherei des Präsidenten, der seine Familie und sich selbst im Amt bereichert, die an der republikanischen Basis eigentlich auf Kritik stoßen müsste, zu überstrahlen.

Trump ist im Grunde eine schlichte Natur: Der Mann will Geschäfte machen. Sein ganzes Leben besteht aus Deals. Wenn der US-Präsident etwa sagt, er will Grönland „haben“, dann meint er das auch so. Er will dort keine Soldaten stationieren (was er dürfte), er will sich das Land einverleiben. Und er wird es wohl tun. Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen: Der mächtigste Staatschef spielt völlig ungeniert Risiko (bei dem Brettspiel gilt es, möglichst viele Länder zu erobern). Leider ist Trumps Spiel Ernst. Und leider spielt er auch mit seinen Bündnispartner von der Nato.

Der manchmal verklärte Blick, mit dem etwa das Ende der Maduro-Herrschaft in Venezuela begleitet und kommentiert wurde, lässt klare völkerrechtliche Verstöße, auf Trumps Befehl von seinen Militärs begangen, schlicht außen vor. Auch wenn es mit Maduro definitiv den Richtigen traf: So geht es nicht! Wenn Politik darauf reduziert wird, dass die stärksten Truppen gewinnen und beliebig Gebiete erobern können, dann käme dies einem Rückschritt der menschlichen Zivilisationsgeschichte gleich.

Über Jahrtausende hatte das Recht des Stärkeren gegolten, erst mit der Etablierung demokratischer Strukturen begannen multilaterale Strukturen an Bedeutung zu gewinnen. Spätestens mit Fall des Eisernen Vorgangs, der Europa nach 1945 in zwei Hälften geteilt hatte, schienen internationale Organisationen eine bändigende Wirkung auf allzu forsche nationale Alleingänge ausüben zu können. Das hat nicht immer gut funktioniert, doch die Richtung hat zumindest gestimmt.

Er ist an Ehrlichkeit und Skrupellosigkeit kaum zu überbieten

Trump hat dieses System, zur Freude der Potentaten in Russland und China, mit dem Bulldozer eingerissen: „Ich brauche kein internationales Recht“, sagte er in einem Interview. Und ergänzte: „Mein eigener Sinn für Moral. Mein eigener Verstand. Das ist das Einzige, was mich stoppen kann.“ An Ehrlichkeit kaum zu überbieten, an Skrupellosigkeit ebenso wenig.

Die geopolitische Bilanz nach einem Jahr der zweiten Amtszeit Trumps fällt also verheerend aus. Möglich war diese Entwicklung nur, weil im Inneren der USA die entsprechenden Weichenstellungen vollzogen wurden: „Make America great again“ (Maga) genügt Trump und den Seinigen als Basis. Dieses Vier-Worte-Programm liegt allem, was der Trumpismus bislang umgesetzt hat, zugrunde.

Besteht also kein Grund zur Hoffnung, dass der Spuk in den USA bald ein Ende haben könnte? Geht Amerikas Demokratie zum 250. Jubiläum der Verfassung den Bach runter? Nicht unbedingt. Denn Trump überreizt permanent. Seine Einwanderungsbehörde ICE tötet Unschuldige, seine Wirtschaftspolitik zeigt nicht den erwünschten Effekt und die Widerstandskräfte innerhalb der Vereinigten Staaten sind keineswegs zu unterschätzen.

Den 2026 stattfindenden Midterms, also den Wahlen zum US-Kongress, kommt entscheidende Bedeutung zu. Denn Trump kann nur deshalb problemlos durchregieren, weil er im Senat, einer der beiden Kammern, über eine hauchdünne Mehrheit verfügt - letztlich nur deshalb, weil sein Vize JD Vance das Zünglein an der Waage spielt.

Dieser Präsident ist ein Risikofaktor ersten Ranges

Es ist also definitiv zu früh, die USA aus dem Kreis der internationalen Gemeinschaft zu verabschieden. Auch wenn Trump alles dafür tut - die Demokratie wankt, sie fällt aber noch nicht. Eines ist klar: Dieser Präsident ist ein Risikofaktor ersten Ranges.