Berlin - Diese Debatte zeigt, dass Deutschland immer noch nicht selbstverständlich mit Migration umgeht: Oft wird über Integration zu polarisierend gesprochen. Gut, dass etliche Deutsche mit Migrationshintergrund klare Worte finden, meint Alexander Jungkunz.
07.10.2025 12:46 Uhr

Güner Balci sagt Erfrischendes - und eigentlich Selbstverständliches: Die Integrationsbeauftragte von Berlin-Neukölln kritisiert im Gespräch mit unserem Medienhaus die „zu niedrige Erwartungshaltung“, die viele lange hier lebende Deutsche an Migranten haben. Oft, so die Autorin weiter, ließen sich vermeintlich wohlgesonnene Gruppen auf heikle Kooperationen mit islamischen Gruppen ein - etwa, wenn in einer Islam-Gemeinde die Werte des Grundgesetzes nicht über allem anderen stehen.

Da würden dann Kompromisse geschlossen mit der Begründung, „die sind eben so. Das ist deren Kultur“, kritisiert Balci. Und macht klar: Solche Relativierungen darf es nicht geben. „Wir dürfen kein reaktionäres Menschenbild akzeptieren, wie es viele im Islam heute pflegen.“

Balci gehört zu einer Gruppe von hier bestens integrierten Migranten, die oft viel klarer als lange hier lebende Deutsche den Finger in die Wunden einer teils misslungenen Integration legen. Ahmad Mansour verlangt ebenso wie Seyran Ates oder Hamad Abdel-Samad und Balci, Deutschland müsse Migranten mehr abverlangen, wenn sie entscheidende Integrationsschritte verweigern - vor allem die Zustimmung zur freiheitlich-liberalen Demokratie samt der Achtung der Würde jedes Menschen.

Wobei sie auch klarmachen: Insgesamt klappt das Zusammenleben gut. Unspektakulär integrieren sich viele Zugewanderte. Auf dem Arbeitsmarkt ginge in vielen Bereichen gar nichts mehr ohne Migranten. Das zeigt, wie absurd und schädlich für die Republik jene Remigrations-Forderungen sind, die eine vermeintliche Alternative für Deutschland im Programm hat.

Der „Tatort“ aus Frankfurt spiegelt die Realität recht gut

Der jüngste „Tatort“ aus Frankfurt, besetzt mit einer Kommissarin aus dem Iran und ihrem Kollegen mit bosnischen Wurzeln, spiegelt das Land recht passend. Da gelingt sehr viel - aber das wird kaum debattiert. Rund zwei Drittel der Migranten, die im Zuge der Flüchtlingskrise 2015 kamen, sind inzwischen in Arbeit - eine respektable Zahl.

Das heißt keineswegs, dass es keine Probleme gibt. Die müssen klar benannt werden. Erinnern Sie sich noch an den Satz von Friedrich Merz Anfang 2023, als er von den „kleinen Paschas“ in den Schulen sprach? Er meinte die Söhne meist arabischstämmiger Migranten, und er traf einen wunden Punkt.

Aber in Deutschland wurde intensiver und sehr polemisch über Merz‘ Aussage gestritten als über ihren Befund. War das rassistisch, ausgrenzend, was er sagte? Viele nahmen erst einmal übel. Natürlich müssen solche Debatten präzise geführt werden. Aber sie sind zu führen - mit dem Blick auf Erfolge, die zu klein geredet werden, und Probleme, die von Populisten zu oft dramatisiert werden, die aber ebenfalls klar benannt, angesprochen und dann am besten gemeinsam angepackt werden sollten. So, wie Güner Balci und andere dies ganz pragmatisch tun: Sie versuchen, möglichst gut zusammenzuleben und Konflikte nicht zu beschweigen, sondern im konstruktiven Streit zu lösen.