Nürnberg - Von wegen Fortschritt: Wer heute ein generelles Handyverbot an Schulen fordert, entscheidet sich bewusst für Rückschritt und pädagogische Ignoranz. Ein Verbot mag gut gemeint sein. Dennoch ist es falsch, kommentiert Jannik Westerweller.
26.08.2025 14:42 Uhr

Das neue Schuljahr beginnt - und in einigen Bundesländern gelten weitreichende Handyverbote. Doch in einer Welt, in der digitale Kompetenz Grundvoraussetzung ist, muten solche Verbote an wie der Versuch, Feuer zu verbieten, weil man sich daran verbrennen kann. Ein Handy ist längst kein Spielzeug mehr - sondern auch ein Werkzeug. Es ist Taschenrechner, Kamera, Recherche-Instrument, Kommunikationsmittel – oft alles zugleich. Wer Jugendlichen den Umgang damit verbietet, verschließt ihnen den Zugang zur Lebensrealität. Und macht die Schule zum digitalen Niemandsland.

Smartphones werden nicht wieder aus unserem Leben verschwinden. Es wird kein analoges Zeitalter mehr kommen. Ja, Schüler müssen lernen, ohne ihr Handy zu lernen. Aber: Sie müssen auch lernen, Handys verantwortungsbewusst zu benutzen - auch zum Lernen. Allzu oft scheint in dieser Debatte vergessen zu werden, dass nach dem Schulabschluss niemand mehr reglementiert, wie Jugendliche mit ihrem Handy umgehen. Umso wichtiger ist es, den bewussten Umgang vorher erlernt zu haben. Denn Sinn und Zweck der Schule ist es, auf das Leben danach vorzubereiten. Und dort ist das mobile Endgerät allgegenwärtig.

Schule soll nicht einfach nur trockenes Wissen vermitteln, Zahlen und Fakten, die dann abgefragt und wieder vergessen werden. Sie soll etwas viel Essenzielleres lehren: wie man lernt. Das heißt auch, welche Quellen und Hilfsmittel in welcher Situation geeignet sind.

Und gerade darin besteht die Medienkompetenz, die in dieser Zeit so wichtig ist: Zu wissen, dass ChatGPT halluziniert, teils Fakten frei erfindet. Was wissenschaftliche Quellen von Wikipedia unterscheidet. Dass Influencer keine seriösen Journalisten sind, sondern oft eine eigene Agenda verfolgen.

Ja, ChatGPT ist keine verlässliche Quelle und TikTok kann ablenken

Ja, TikTok-Videos können Schüler ablenken und den Unterricht stören und ChatGPT ist keine verlässliche Quelle. Und ja, WhatsApp-Gruppen öffnen Tür und Tor für Cybermobbing. Wer aber deswegen die Handys aus der Schule verbannen möchte, packt das Problem nicht bei der Wurzel, sondern macht es nur unsichtbar. Wer ernsthaft glaubt, dass ein Verbot dazu führt, dass Schüler Hausaufgaben nur noch mit ihres eigenen Geistes Kraft erledigen, glaubt wohl auch, dass sie ihre Hausaufgaben nicht voneinander abschreiben, schließlich ist auch das verboten. Es geschieht nur heimlich. Das Handyverbot ist bequem. Es entlastet die Lehrer und beruhigt überforderte Eltern. Kurzum: Es schafft eine Scheinsicherheit.

Repräsentativen Umfragen zufolge sind es gerade Ältere - jene, die selbst ohne Handys aufgewachsen sind - und Eltern, die sich für Handyverbote aussprechen. Das heißt aber nicht, dass ein Verbot auch richtig ist. Die digitale Welt endet nicht an der Türschwelle zum Klassenzimmer. Nur, weil die Schulpädagogik bislang keine Lösung für diese Probleme gefunden hat, kann Rückzug nicht das Mittel der Wahl sein. Das ist pädagogische Ignoranz.