Nürnberg - Ein Social-Media-Verbot für Unter-16-Jährige soll die Lösung für Desinformation und problematische Schönheitsideale bringen? Das ist zu kurz gedacht, findet Jannik Westerweller in seinem Contra-Kommentar. Zwei Punkte sprechen dagegen.
30.07.2025 13:50 Uhr

Fake News, Suchtverhalten und problematische Schönheitsideale - an kaum einem anderen Ort werden gesellschaftliche Probleme so offensichtlich wie in den sozialen Medien. Ein Verbot für Jugendliche unter 16 zu erwägen, scheint naheliegend. Doch wer das fordert, verschiebt die Verantwortung. Und zwar weg von den eigentlichen Verursachern.

Nicht die Jugendlichen und ihr angeblich sorgloser Umgang mit Social Media sind das Problem – sondern die Mechanismen hinter den Plattformen. Algorithmen, die Aufregung belohnen, Betreiber, die mit Hetze und Desinformation Geld verdienen. Wer es ernst meint mit Jugendschutz, muss hier ansetzen und nicht bei jenen, die die Angebote nutzen. Statt eines Verbots für Jugendliche müssten Betreiber Hass und Hetze, Desinformation und andere gefährliche Inhalte endlich konsequent und schnell löschen. Die gesetzliche Grundlage dafür gibt es schon lange.

Ein weiterer Punkt: Mit der Forderung, Social Media für Jugendliche zu verbieten, macht man es sich leicht. Zu leicht. Wer ein Social-Media-Verbot will, weil die zumindest in Teilen rechtsextreme Alternative für Deutschland (AfD) dort wie der Rattenfänger von Hameln um die Gunst junger Wähler wirbt, drückt sich um eine wirklich soziale Politik herum, die auch die Interessen junger Menschen vertritt. Die würde den Nährboden für Radikalisierung beseitigen.

Wer Social Media verbieten möchte, weil Mädchen sich wegen Trends wie SkinnyTok zu Tode hungern, hat noch längst nicht dem Leviathan namens Patriarchat den Kampf angesagt. Denn solche Schönheitsideale sind Symptom eines gesellschaftlichen Problems, das weit über die sozialen Medien hinausgeht. In den 90er Jahren ging Heroin Chic - blasse Haut, dunkle Augenringe, abgemagerte Körper - viral. Und das ganz ohne soziale Medien, denn die gab es damals noch nicht.

Die Aufgabe von Politik und Gesellschaft ist es nicht, digitale Räume für Jugendliche abzuriegeln. Stattdessen müssen junge Menschen mit der entsprechenden Medienkompetenz ausgestattet werden. Stichwort Desinformation: Die Generation über 50 Jahren ist Studien zufolge ähnlich anfällig für Fake News. Ein Social-Media-Verbot für diese Gruppe erwägt - aus gutem Grund - niemand.