Nürnberg - „Die Rente darf nicht länger Wohlstands- und Armuts-Booster sein“: Das Pestel-Institut hat untersucht, wie die Altersversorgung bezahlbarer werden kann. Das Ergebnis dürfte vor allem den Beamten nicht gefallen.
08.08.2025 16:51 Uhr

„Rente und Pension brauchen eine Sozialreform“, sagt der Leiter des Pestel-Instituts, Matthias Günther, der ein Freund klarer Worte ist. Und so lautet ein Ergebnis der aktuellen Renten-Untersuchung seines Forschungsinstituts denn auch kurz und bündig: Um die Altersversorgung in Deutschland bezahlbarzu machen, müssten Beamte künftig fünfeinhalb Jahre länger arbeiten als etwa Arbeiter.

Das bisherige System von Renten und Pensionen ist der Analyse zufolge ungerecht: So würden Beamte durch ihre überdurchschnittlich hoheLebenserwartung für einen deutlich längeren Zeitraum Pensionen beziehen als Arbeitnehmer Rente. „Wer weniger verdient und statistisch kürzer lebt, darf nicht auch noch mit einer kleineren Rente bestraft werden“, sagt Günther. Er kritisiert, dass dieser Aspekte in der bisherigen Rentendiskussion kaum oder gar nicht berücksichtigt werde.

Forderung: Lebenserwartung in Rentenberechnung einbeziehen

Die Rente habe einen „gravierenden Ungerechtigkeitsfaktor“, so der Leiter des Forschungsinstituts mit Sitz in Hannover. Überdurchschnittlich viele Arbeitnehmer erreichen in seinen Augen die Rente nicht, weil sie vorher sterben.

Umgekehrt würden die, die mehr verdienten, auch deutlich älter.„Diese Menschen bekommen also eine höhere Rente oder Pension – und das auch noch wesentlich länger“, sagt Günther. „Menschen mit geringen Einkommen dagegen müssen mit einer deutlich niedrigeren Rente klarkommen, von der sie außerdem deutlich kürzer etwas haben.“

Der Leiter des Pestel-Instituts spricht sich dafür aus, bei der Berechnung der Höhe künftiger Renten immer auch die statistische Lebenserwartung mit einzubeziehen: „Eine bedeutende Grundlage der späteren Rente wird nach wie vor die Höhe der Beiträge sein, die im Laufe des Erwerbslebens in die Rentenkasse eingezahlt werden“, sagt er. Allerdings müsse die voraussichtliche Dauer der Rentenzahlung ebenfalls eine Rolle spielen.

Matthias Günther stellt sich eine „sozialen Staffelung“ vor: Die Renten von Geringverdienern müssten mit Blick auf deren statistisch geringere Lebenserwartung unbedingt angehoben werden, sagt er. „Umgekehrt wäre bei Besserverdienern eine ‚soziale Dämpfung‘ der Rentenhöhe durchaus vertretbar.“

Kritik an der „mutlos geführten“ Rentenpolitik

Kritik übt Günther vor allem an der seit Jahren „mutlos geführten“ Rentenpolitik: „Die Rentenpraxis in Deutschland ist ein fest zementierter sozialer Missstand. Es gibt nun einmal Unterschiede in der Lebenserwartung. Und die hängen ganz wesentlich vom Einkommen ab.“ Diese Tatsache würde das bisherige Rentensystem völlig ausblenden - „das ist ein rentenpolitisches Armutszeugnis“. Es sei nicht nachzuvollziehen, warum die Zeit, wie lange Menschen Pensionen oder Renten beziehen, nach wie vor ein „politisches Tabu“ seien.

Die Rente wirke als „Wohlstands- und Armuts-Booster“, sagt der Institutschef. Damit müsse jetzt Schluss sein - auch, um die Sozialkassen künftig zu schonen. Günther fordert, das Äquivalenzprinzip beim Rentensystem aufzugeben. Der Grundsatz besagt, dass die Leistungen für die Altersrentner exakt an die geleisteten Beiträge und die damit erworbenen Rentenpunkte anknüpft. „Viele gut situierte Menschen, Beamte genauso wie Besserverdiener, wissen im Ruhestand nicht wohin mit ihrem Geld“, erläutert Günther. „Gleichzeitig kommen Verkäuferinnen und angestellte Friseure nach 40 Jahren Vollzeitjob mit ihrer mageren Rente kaum über die Runden.“