Berlin - Gibt es jenseits aller Kritik etwas, was die Parteien der Mitte von ihrer rechts- und linkspopulistischen Konkurrenz lernen können? Harald Baumer nennt in seinem Kommentar deren Verankerung im Alltag der Bürger.
20.10.2026 13:51 Uhr

Seit Jahren stellen sich die Parteien der bürgerlichen Mitte die bohrende Frage, warum sie immer mehr an Boden verlieren gegenüber der AfD und den Linken. In den neuesten Umfragen liegen die beiden auf Bundesebene bei etwa 40 Prozent. Rechnet man auch noch das BSW hinzu, sind es schon knapp 45 Prozent.

Manche Gründe liegen auf der Hand. Reformen kommen nur langsam voran, wenn überhaupt. Meist sind die Fortschritte dann auch noch von heftigen Debatten und Beleidigungen begleitet. Die Parteien links und rechts der Mitte haben es leichter. Sie treffen mit ihren Argumenten auf Zustimmung, wahlweise die Remigration oder die Enteignung von Konzernen könne die größten vorhandenen Probleme lösen.

Die Erfolgsrezepte reichen vom Betreiben von Dorfwirtschaften bis zur Mieterberatung

Ein Aspekt taucht erstaunlich selten in den Überlegungen zum Erfolgsrezept der politischen Ränder auf: die ganzjährige Kampagnenarbeit von AfD und Linken. Man könnte das auch als „Dauerwahlkampf“ bezeichnen. Der ist häufig als solcher gar nicht erkennbar, sondern äußert sich im Kümmern und im Bereitstellen von Angeboten, die im ersten Moment gar nicht politisch wirken.

Einige Beispiele: Die AfD versucht, in großem Stil aufgegebene Dorfwirtschaften wiederzubeleben. Dort wird ein Programm vom Grillen bis zum geselligen Zusammensitzen angeboten. Rechtspopulistische Themen tauchen dabei eher selten auf, es geht um die Kontaktaufnahme. „Ländliche Raumnahme“ heißt das im Jargon der AfD. Ähnlich war es bei den Ausfahrten mit dem DDR-Kultmoped Simson, die Ulrich Siegmund in Sachsen-Anhalt für sich vereinnahmte. Bei den Linken geht es in eine ganz andere Richtung. Es ist eine intensive, ganz konkrete Mieter- und Sozialberatung, die ihnen viel Zulauf verschafft.

Den anderen Parteien ist nicht grundsätzlich mangelndes Engagement vorzuwerfen. Im Gegenteil: Deren Abgeordnete verbringen viel Zeit in Gremiensitzungen, bei öffentlichen Veranstaltungen und bei Firmenbesuchen. Aber sie denken noch zu sehr in Legislaturperioden, statt zu begreifen, dass die Konkurrenz buchstäblich in jeder Minute den nächsten Wahlkampf vor Augen hat.

Bei den Social-Media-Auftritten ist es kaum anders. Da sind in der bürgerlichen Mitte noch viele steife Vollzugsmeldungen zu entdecken, wo vielleicht manches Mal die Emotionalisierung der erfolgreichere Weg wäre. Klar, aus der Opposition heraus ist das alles einfacher als aus der Regierungsverantwortung. Aber wer die Menschen nicht dort abholt, wo sie abgeholt werden können, insbesondere die Jungen, der wird sich schwer tun. Siehe das Linken-Erfolgsmodell Heidi Reichinnek.

Die CSU lebt noch am ehesten eine Verankerung im Alltag der Bürger vor

Politische Bindung entsteht nicht alleine durch Programme und Wahlkämpfe, sondern durch eine dauerhafte Verankerung im gesellschaftlichen Alltag. Nicht zuletzt deswegen ist das Modell CSU mit derzeit 37 Prozent in den Umfragen immer noch eines der erfolgreichsten innerhalb der bürgerlichen Mitte.