Nürnberg/Erlangen/Fürth - Die Uni Erlangen-Nürnberg zeichnet die venezolanische Aktivistin Ligia Bolívar mit ihrem Menschenrechtspreis aus - gleichzeitig erinnert der Award nun an den Widerstandskämpfer Rudolf Benario, einem der ersten dokumentierten NS-Opfer der Region.
29.09.2026 17:25 Uhr

Die Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) hat den diesjährigen FAU Human Rights Award an die venezolanische Soziologin und Menschenrechtsaktivistin Prof. Ligia Bolívar vergeben. Das gab die Universität in einer Pressemitteilung bekannt. Bolívar nahm den Preis am Montag, 28. September, im Nürnberger Marmorsaal aus der Hand von FAU-Präsident Prof. Dr. Joachim Hornegger persönlich entgegen. Der Preis würdigt Bolívars herausragende, weltweite Beiträge zur Förderung der Menschenrechte, insbesondere ihr Engagement für Migrantinnen und Migranten und Geflüchtete sowie ihre Bemühungen, Menschenrechtsverletzungen in Venezuela zu dokumentieren. Zugleich markiert die diesjährige Verleihung die Umbenennung des Preises: Künftig trägt er den Namen „FAU Rudolf Benario Human Rights Award“.

„Der FAU Rudolf Benario Human Rights Award verbindet die Erinnerung an einen ermordeten Doktoranden unserer Universität mit der Würdigung von Menschen, die sich heute unter oft schwierigen Bedingungen für Würde, Freiheit und Rechte einsetzen“, erklärte FAU-Präsident Prof. Dr. Joachim Hornegger anlässlich der Preisverleihung. „Mit Professorin Ligia Bolívar ehren wir eine Persönlichkeit, die sich mit Fachwissen, Mut und Verantwortungsbewusstsein für die Rechte von Migrantinnen und Migranten sowie Geflüchteten und für die Dokumentation von Menschenrechtsverletzungen in Venezuela einsetzt.“

Preisträgerin Ligia Bólivar wies in ihrer Dankesrede noch einmal sehr entschieden auf geltendes Recht hin: „Asyl und Bewegungsfreiheit sind international anerkannte Rechte – doch die Reaktionen darauf sind aktuell häufig Kriminalisierung, die Externalisierung von Grenzen und die kalkulierte Nutzung des Themas in Wahlkämpfen. Es bleibt unsere Pflicht, von Staaten einzufordern, dass sie sich an die Verträge halten, die sie selbst unterzeichnet haben.“

Umbenennung des Preises zu Ehren von Rudolf Benario, NS-Widerstandskämpfer mit Fürther Bezug

Mit der Umbenennung ehrt die FAU ein Mitglied ihrer eigenen akademischen Gemeinschaft, das sich früh und entschlossen gegen das NS-Regime wandte: Dr. Rudolf Benario. Benario wurde am 20. September 1908 in Frankfurt am Main geboren und studierte ab 1927 Sozial- und Rechtswissenschaften in Erlangen, Würzburg und Berlin. Schon während seines Studiums engagierte er sich in der „Arbeitsgemeinschaft Republikanischer Studenten“ und war Vorsitzender der Jungsozialisten der SPD in Fürth, 1931 trat er zur Kommunistischen Partei Deutschlands über.

Am 28. Januar 1933 – nur zwei Tage bevor Reichspräsident Paul von Hindenburg Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannte – verlieh die Universität Erlangen Benario den Doktortitel für Staatswissenschaften. Wenige Wochen später, im Zuge der nach dem Reichstagsbrand 1933 eingeleiteten Massenverhaftungen, wurde Benario am 10. März 1933 inhaftiert. Am 11. April wurde er in das Konzentrationslager Dachau überstellt, wo ihn die SS am folgenden Tag gemeinsam mit drei weiteren Häftlingen ermordete. Die nationalsozialistische Propaganda verbreitete, die Männer seien „bei einem Fluchtversuch erschossen“ worden. Benario zählt damit zu den ersten dokumentierten Opfern der NS-Mordmaschinerie – und zu den ersten Todesopfern aus der Fürther und Erlanger Region.

Dr. Shmuel Hirschmann, Nachfahre von Rudolf Benario, war ebenfalls zur Preisverleihung angereist. In einem sehr persönlichen Beitrag erinnerte er an Benario und machte deutlich, welch große Relevanz die Umbenennung des Preises gerade in aktuellen Zeiten hat.

Leben im Exil: über die Preisträgerin Ligia Bolívar

Ligia Bolívar ist eine der einflussreichsten Menschenrechtsstimmen Lateinamerikas. Als Gründerin des Venezolanischen Programms für Bildung und Aktion im Bereich Menschenrechte (PROVEA) hat sie maßgeblich an der Entwicklung der Menschenrechtsbewegung in Venezuela mitgewirkt; PROVEA gilt heute als eine der führenden Nichtregierungsorganisationen in Südamerika.

Bolívar war Direktorin des Zentrums für Menschenrechte der Universidad Católica Andrés Bello (UCAB) in Caracas, an der sie heute als wissenschaftliche Mitarbeiterin tätig ist. Zudem war sie regionale Vertreterin von Amnesty International für Lateinamerika und die Karibik, Spanien und Portugal.

Aufgrund der politischen Verfolgung lebt Bolívar derzeit im Exil in Kolumbien. In den vergangenen Jahren hat sie sich nachdrücklich gegen autoritäre Tendenzen, sowohl in der aktuellen Maduro-Regierung in Venezuela als auch in der Trump-Regierung in den Vereinigten Staaten, ausgesprochen. Ihr Einsatz unter prekären Bedingungen und bei erheblichem persönlichem Risiko war für die Jury ein zentrales Argument.

Von 14. September bis zum 12. Dezember 2026 forscht Ligia Bolívar im Rahmen des FAU-Exzellenzclusters „Transforming Human Rights“ als Gastwissenschaftlerin an der FAU.