
Den wunderbaren Schmuck einer historischen Hausfassade einfach abschlagen, finden wohl alle Freunde alter Häuser daneben. Auch Markus Wokurka geht das so. Deshalb ärgerte ihn eine Tirade unseres Autors in den Mitteilungen des Bürgervereins. Der nämlich vermutete hinter dem Verlust der reichen Verdachungen im ersten Stock des Hauses Rohledererstraße 9 das Werk eines überpragmatischen Hausbesitzers der frühen Nachkriegszeit. Aus dem anfänglichen Ärger entwickelte sich ein freundlicher und spannender Kontakt, denn der Installateurmeister lebt für sein Haus, und das ganz ohne Denkmalschutz.
Gebaut wurde es 1888 bis 1889 auf dem Grundbesitz des Gießereibesitzers Süß Feldmann. Auf den Grundstücken Nr. 7 und 9 ließen Zimmermeister Johann Schneider und seine Frau Babette aus Neuwetzendorf zwei Mietshäuser errichten, die beim Anblick von der Straße eine gestalterische Einheit bildeten. Die Bautechniker Joseph Ochsenmayer und Heinrich Wißmüller, die gerade am Anfang ihrer produktiven Karriere standen, zeichneten die Pläne. Die allerdings kamen nur in abgespeckter Form zur Ausführung: Die Fassaden aus rotem Sichtklinker erhielten eine gediegene Gliederung im Stil der Neorenaissance aus Burgsandstein; das Dach schloss eine ausgebaute Mansarde mit Giebelgauben ab.
Hinter den Prunkfassaden herrschte Wohnheim-Atmosphäre: Küche, Toilette und die beiden Zimmer der je zwei Wohnungen pro Etage waren nämlich nur durch den gemeinschaftlichen Geschossflur zugänglich. Als Nachbarn sah man sich also oft. Was heute seltsam wirkt, war bei einfacheren Mietswohnungen jener Zeit üblich, denn solche Grundrisse sparten Geld für zusätzliche Leitungsstränge. Als 1899 im Parterre ein Gemüseladen einzog, erhielt das Haus zusätzlich zur Hoftür einen Eingang von der Straße. Noch bevor dessen Schaufenster 1932 stilgerecht wieder vermauert wurde, war der Eingang an die jetzige Stelle an der Nordseite gewandert. Diese Umbauten erklären den schlängeligen Hausflur im Erdgeschoss. Die wunderbaren Neorenaissance-Haustüren hat Wokurka liebevoll aufbereitet und die an der Nordseite zusätzlich mit einem historischen Gitter versehen, das aussieht, als habe es schon immer dorthin gehört. Gerade ist er an der behutsamen Überarbeitung der schönen Holztreppe, deren Stufen nach 137 Jahren ausgelatscht sind.
Als der Laden rückgebaut wurde, war das Haus seit Kurzem im Besitz des Flaschnermeisters Georg Reichert, der seit 1929 mit seiner Frau Marie Wokurka und deren Sohn Max in der Rohledererstraße 9 lebte. Max‘ verstorbener Vater Georg war es, der 1898 den bis heute bestehenden Installateurbetrieb begründet hatte. Nach Zusammenschluss von Georg Reichert und Max Wokurka firmierte die Firma zeitweise unter dem Namen „Reichert & Wokurka“.
Eine Brandbombe knallte durch das Dach, die Mansarde und das zweite Obergeschoss brannten
Und nun zum Rätsel des verlorenen Fassadenschmucks: So intakt die alten Häuser an der Rohledererstraße scheinen – auch hier forderte der Luftkrieg seinen Tribut. Eine Brandbombe knallte in der Nacht vom 10. auf den 11. August 1943 durch das Dach der Nr. 9, ließ Mansarde und zweites Obergeschoss in Flammen aufgehen. Nachdem Wokurkas Großvater mit Familie und Nachbarn das Gebäude notversorgt hatte, bekam es 1948 nach Zeichnungen des Bauunternehmers Anton Söder sein heutiges flaches Satteldach, unter dem 1953 wieder eine Wohnung eingerichtet werden konnte. Nicht nur dadurch setzt sich das Haus heute von seinen Nachbarn ab; auch von den Bekrönungen der Fenster im ersten Stock sind nur noch die Silhouetten übrig. Wie es dazu kam? Das wissen wir immer noch nicht. Vermutlich aber waren die weit vorstehenden Teile von dem Rumms im Inneren so beschädigt worden, dass sie nicht mehr zu retten waren.
Die rote Farbe auf dem Sandstein hat Wokurka mittlerweile entfernen lassen
Die später auf den Sandstein aufgebrachte rote Farbe hat Markus Wokurka mittlerweile entfernen lassen. Mit der Leistung der Firma, die die Fassaden instandsetzen sollte, ist er dagegen nicht zufrieden. Immerhin: Bald ist der gemütliche und im Sommer kühle Rückzugsort für die Familie im Hof fertig. Das Haus in der Rohledererstraße, es bleibt eine Lebensaufgabe, die auch den kunsthistorischen Experten lehrt, genauer hinzusehen.
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1 Kommentar
whityweissman
Schönes Beispiel für vernünftige Kommunikation und Erkenntnisgewinn.
02.06.2026 11:15 Uhr