Nürnberg - Der Ludwig-Donau-Main-Kanal war finanziell keine Goldgrube. Für Spaziergänger und später auch Freunde der Ingenieurskunst indes war er schon immer ein Gewinn. Gut, dass in Nürnberg Teilstücke der Wasserstraße erhalten sind, etwa bei Worzeldorf.
29.11.2025 13:00 Uhr

Es ist ein Ausflug in eine längst vergangene Welt, in die Frühzeit der Industrialisierung, den erlebt, wer zwischen Worzeldorf und der Gemarkung Kornburg am alten Ludwig-Donau-Main-Kanal (vulgo „Ludwigskanal“) entlangspaziert. 1836 begann, auf einer Initiative König Ludwigs I. von Bayern fußend, der Bau einer künstlichen Wasserstraße, die den Warentransport zwischen Bayerns größten Strömen, der Donau und dem Main, vereinfachen sollte. Zehn Jahre und 17,5 Millionen Gulden und ein geschasster Chefplaner – Heinrich von Pechmann – später war das Werk vollendet. Bis 1950 schleppten auch hier im Forst Kleinschwarzenlohe Pferde und Treidler Lastkähne durch den Kanal, überwanden drei Schleusen und einen Höhenunterschied von zehn Metern.

Später, als der Kanal seine wirtschaftliche Bedeutung weitgehend an die Eisenbahn verloren hatte, wurde er zu einem beliebten Ziel für Sommerfrischler. Immerhin blieb seinem schon 1843 eröffneten Teilstück zwischen Mühlbach bei Dietfurt und der Nürnberger Gartenstadt das Schicksal erspart, komplett von einer grauen, stinkenden Autobahn oder dem weit weniger beschaulichen neuen Kanal überbaut zu werden.

Ein Spaziergang am Alten Kanal in Nürnberg ist wie eine Reise zurück in die Vergangenheit

Wer heute hier gerade in der kalten Jahreszeit, wenn weit weniger Wanderer und Fahrradausflügler unterwegs sind, spaziert, der genießt eine Reise zurück in die Vergangenheit. Der genießt die Stille des stehenden Wassers und des ihn umgebenden, größten von Menschenhand geschaffenen Waldgebiets der Erde.

Schleuse 66
Auch die Schleuse 66 besitzt noch ihr historisches Wärterhaus – hier ausgeführt in Rotsandstein – mit Steg, die allesamt bereits auf der Gemarkung Worzeldorf liegen. © Sebastian Gulden

Wegmarken unserer kleinen Wanderung sind die Schleusen Nr. 66, 65 und 64. Die beiden erdgeschossigen Wärterhäuser bei Nr. 66 und 64 sind Sandsteinbauten im modischen Rundbogenstil mit flachen Satteldächern. Sie wurden um 1842 nach Musterentwürfen gebaut, die Pechmann mit dem bayerischen Hofarchitekten Leo von Klenze ersann und die je nach Lage und individuellen Bedürfnissen abgewandelt werden konnten. Heute dienen die Bauten als Wohnhaus und als Künstler-Atelier mit vielfältigem Kursangebot.

Schleuse 65
Einsam im Steckerlaswald befindet sich die Schleuse 65, die nie ein eigenes Wärterhaus besaß. Die Pfade zu beiden Seiten des Kanals wurden einst von Zugpferden und Treidlern genutzt. © Sebastian Gulden

Die aus Sandsteinquadern gefügten und gut sichtbar mit ihren Nummern in Antiqua-Schrifttype versehenen Kammern der drei Schleusen sind jeweils an ihrem Unterhaupt (der niedriger gelegenen Ein- und Ausfahrt) von einer Bogenbrücke bzw. einem Steg überspannt, da hier die nötigen massiven Widerlager schon vorhanden waren. Die hölzernen Tore sind heute verschwunden. Die breiten Nuten in den Kammerwänden dienten dazu, um bei Reparaturarbeiten wasserdichte Spundwände einzuziehen. Zwischen den drei Schleusen zieht sich der beiderseits von den erdgebundenen Treidelpfaden gesäumte Kanal mit seinen gepflasterte Böschungen in einem weiten Bogen gen Südosten durch den Lorenzer Reichswald.

Schleuse 64
Auf der Gemarkung Kornburg steht die Schleuse 64 nebst Brücke und Wärterhaus, in dem heute das „Atelier Miteinander“ zu Hause ist. © Sebastian Gulden

Auch wenn der Kanal stets hinter den wirtschaftlichen Erwartungen zurückblieb, so ist er doch ein Meisterwerk des Wasser- und Ingenieurbaus der frühen Industrialisierung und ein landschaftsprägendes Kulturdenkmal, das nicht nur den Reichswald, sondern auch den Freistaat von Oberfranken bis Niederbayern wie ein – wenngleich heute vielerorts unterbrochenes – blaues Band verbindet. Nürnberg kann sich glücklich schätzen, seinen Anteil an diesem Denkmal zu besitzen.

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