
„Jetzt lass aber mal die Kirche im Dorf“ - eine geläufige Redewendung. Über ihren Ursprung gibt es mehrere Erklärungen. Die eine: Bei größeren Prozessionen verließ die Kirche - lang ist es her - oft wirklich ein Dorf, weil der Ort zu klein wurde für Feiern und man rauszog ins Freie. Die andere: Einst hatten die Kirchen auch politische Macht - die dann aber an weltliche Autoritäten überging, weg von den Kirchengebäuden, hin zu den Rathäusern. Das beklagten Kirchenleute mit diesem Spruch.
Heute steht „die Kirche im Dorf lassen“ dafür, am Boden zu bleiben, realistisch, nicht abzuheben. Und das gilt inzwischen mehr denn je auch für die Kirche(n) selbst: Ihr Bedeutungsverlust geht - jedenfalls in Deutschland - schneller voran als manche erwarteten, befürchteten oder erhofften, je nach Einstellung zur Religion und zum Glauben.
Aus dem Sprichwort wird Realität: Die Kirche bleibt teils nicht mehr im Dorf
In diesem Jahr beginnt ein Prozess, der diesen Trend sichtbar werden lassen wird - weil die Kirche zum Teil nicht mehr im Dorf bleiben kann. Aus dem Sprichwort wird Realität: Katholiken und Protestanten legen nun Zug um Zug fest, welche Immobilien sie behalten (können) - und welche nicht. Die ersten Kirchen sind entweiht, werden also nicht mehr als Gotteshäuser genutzt.
Eine Entwicklung, an der sich vieles ablesen lässt - vor allem, wie sehr Kirche und Religion nicht nur Menschen, sondern unsere gesamte Gesellschaft und Kultur geformt haben: Ohne Ostern keine Kreuze, keine Oratorien, keine Kirche in ihrer historischen Dimension. Keine Oster-Bräuche, die mit dem Glauben allenfalls entfernt zu tun haben. Kein „Osterspaziergang“ in Goethes Faust, wo sich diese christliche Prägung der Welt spiegelt.
Das Wissen um diese Hintergründe schwindet. Zugleich erleben wir an vielen Stellen, wie Menschen sich wieder mal an Gottes Stelle setzen wollen. Trump und andere Herrscher sehen sich von Gott gesandt, auch in ihren Kriegen. Da unterscheiden sich christliche Fundamentalisten im Weißen Haus in ihrer Radikalität und Selbstgewissheit nicht allzu sehr von muslimischen Mullah-Fundamentalisten in Teheran.
Tech-Milliardäre wollen den Tod überwinden. Da führt grenzenloser Allmachts- und Fortschrittglaube rasch zur Hybris, zu menschlicher Selbstüberschätzung, die schon in der Antike als Grenzüberschreitung galt und von der Nemesis, der Bestrafung von Überheblichkeit, eingeholt wird. Die Kirchen selbst waren (und sind) nicht gefeit vor Hybris und Hass - das gern bemühte „christlich-jüdische Abendland“ blendet den vor allem lutherischen Antisemitismus geflissentlich aus.
Im Grundgesetz ist die „Verantwortung vor Gott“ verankert, aus gutem Grund
Es wäre gut, die Kirche im Dorf zu lassen - sprichwörtlich, durch Demut, Maß und Mitte. Und auch ganz konkret: Wenn Kirche keine Rolle mehr spielt, geht nicht nur Glauben verloren - den man hat oder nicht hat. Die „Verantwortung vor Gott“ steht aufgrund fürchterlicher Erfahrungen am Anfang des Grundgesetzes. Das sind unsere Wurzeln, die wir nicht kappen sollten, weil sie uns erden.

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