Berlin - Der zweite Besuch von Friedrich Merz bei Donald Trump fand in bewegten Zeiten statt. Kurz zuvor hatten die USA ihren Angriff auf den Iran gestartet. Harald Baumer erklärt in seinem Kommentar, warum der Kanzler den richtigen Ton getroffen hat.
04.03.2026 10:17 Uhr

Friedrich Merz war mit einem Bündel an guten Tipps, dringenden Ratschlägen und fast schon Anweisungen aus der Heimat in die USA gereist. Große Teile von Opposition, Medien und Zivilgesellschaft erwarteten von ihm, dass er Präsident Donald Trump wegen des Angriffs auf den Iran in die völkerrechtlichen Schranken verweist, im Zollstreit Klartext spricht und möglichst auch noch die europäischen Sorgen in Sachen innerstaatlicher Demokratie in den Vereinigten Staaten artikuliert.

Das alles ist richtig, es könnte kaum richtiger sein. Um nur beim ersten Beispiel zu bleiben: Es widerspricht jeder regelbasierten Ordnung, dass sich zwei Länder (USA und Israel) zusammentun, um ein anderes Land zu bombardieren, dessen verbrecherische Regierung auszuschalten und gleichzeitig nicht die geringste Ahnung zu haben, was dort außer komplett chaotischen Zuständen alles entstehen könnte.

Der Kanzler unterschied zu Recht zwischen dem öffentlichen und dem nichtöffentlichen Gespräch mit Trump

Aber die Welt ist eine andere als noch vor wenigen Jahren. Die Atommächte Russland, China und USA haben längst damit begonnen, die Herrschaftszonen unter sich aufzuteilen. Der freie Handel ist in Gefahr, den nationalen Interessen geopfert zu werden. Europa hat bei alledem sicherheitspolitisch keine guten Karten im Spiel, um ausnahmsweise Trumps Wortwahl zu verwenden.

Friedrich Merz versuchte es bei seinem Besuch in Washington mit einer Mischung aus Schmeichelei und Selbstbehauptung. Er ließ durchschaubares Trump-Lob vom Stapel, wies aber deutlich auf das ungewisse Schicksal des Iran hin, für das ja nun auch die Angreifer eine gewisse Verantwortung übernehmen müssten. Er brachte auch gleich wieder die Ukraine ins Spiel, selbst wenn Trump darüber am liebsten nur mit Wladimir Putin sprechen würde.

Der Kanzler hat das einzig Vernünftige getan. Er unterschied zwischen dem öffentlichen, vom Fernsehen übertragenen Gespräch, in dem er sehr diplomatisch blieb, und dem internen Gespräch, in dem er nach eigenen Aussagen sehr viel deutlicher wurde. Damit brüskierte er seinen Gastgeber nicht.

Deutschland sollte seine Meinung sagen, aber nicht als Moral-Supermacht auftreten

So müssen wir Deutsche in Zukunft auftreten. Bei unserer Meinung bleiben und diese auch artikulieren, aber nicht der Meinung sein, dass alle Welt und insbesondere die Supermächte auf unsere Belehrungen warten. Viele Nationen, auch im globalen Süden, empfinden es als lächerlich, wenn wir als Moral-Supermacht auftreten.

Vor allem aber sollten wir endlich erkennen: Es gibt so gut wie nie eine Schwarz-Weiß-Erklärung. In einer außer Rand und Band befindlichen Welt steckt im Schlechten manchmal ein Gutes und im Guten manchmal ein Schlechtes.

Im Iran haben viele Menschen die völkerrechtlichen Argumente der westlichen Welt schlichtweg nicht beachtet, sondern haben auf den Straßen getanzt, weil die Spitzen des Mullah-Regimes ausgelöscht worden waren. Und wir wollen ihnen jetzt allen Ernstes sagen, dass sie sich nicht freuen dürfen? Bleiben wir realistisch, bringen uns in die Debatten ein, aber überschätzen wir uns nicht.