Ísafjörður - Bis knapp unterhalb des nördlichen Polarkreises erstrecken sich die Westfjorde Islands - eine Region, die neben ihrer Abgeschiedenheit auch ihre Schönheit auszeichnet.
27.02.2026 10:31 Uhr

„Jason Momoa trug einfach nie ein T-Shirt“, erzählt Hédinn Birnir Àsbjörnsson mit einem Lächeln, während er beiläufig von der Blockbuster-Produktion spricht, die hier, am nordwestlichen Rand der europäischen Zivilisation, vor einigen Jahren für Aufsehen gesorgt hat. Der 45-Jährige steht inmitten eines kolossalen Betongebäudes, das wie kaum ein anderes Bauwerk für die Geschichte einer Region steht, die sich auch heute noch ihre raue Mystik bewahrt hat. Die Magie von Islands Westfjorden manifestiert sich in einer einzigartigen Mischung aus roher Naturschönheit, jahrhundertealter Kultur und sagenumwobenen Legenden. Wie feiner Nebel hängen sie über Schluchten und Wasserfällen, Fischerdörfern und verlassenen Handelsposten.

Den großen Filmstudios aus den USA ist das bildliche Potenzial der ungezügelten Gewalten der Halbinsel nicht verborgen geblieben. Und so machte sich das Comic-Universum DC gemeinsam mit einer Garde an Weltklasse-Schauspielern (darunter auch Jason Momoa und Ben Affleck) 2016 auf nach Djúpavík - einem kleinen Küstenort in den schier unendlichen Weiten der Fjordlandschaft mit wortwörtlich nur einer Handvoll Einwohnen - um Szenen für ein 300-Millionen-Dollar Projekt zu drehen; den Superhelden-Actionstreifen „Justice League“. Die längst stillgelegte Heringsverarbeitungs-Fabrik im Besitz von Àsbjörnsson diente auch als Kulisse.

Djupavik seen from above with a old herring factor
1934 wurde die Fabrik in Djúpavik gebaut. Da der Ort auf dem Landweg nicht erreichbar war, musste das gesamte Material über das Meer in die Bucht geschafft werden. © MennoSchaefer/IMAGO/Depositphotos

1934 erbaut, begann sie schon im Jahr darauf mit der Produktion von Heringsmehl und Fischöl. Mit 90 Metern Länge und drei Stockwerken war sie damals das mit Abstand größte Betongebäude Islands. Die Erfolgsgeschichte war intensiv, aber kurz - nachdem in den 1940er Jahren die Heringsbestände dramatisch geschrumpft waren, musste die Fabrik im Jahr 1954 wieder geschlossen werden. Djúpavík wurde zur Geisterstadt, was blieb war der Bau-Koloss, der eindrucksvoll an einen der auch heute noch wichtigsten Wirtschaftszweige Islands erinnert - die Fischerei. Nach Aluminium machen Fischprodukte den größten Exportanteil der Ökonomie des Landes aus.

Feuer und Eis haben Island erschaffen und prägen es weiter: Den flächenmäßig zweitgrößten Inselstaat Europas - mit 3,88 Einwohnern pro km² gleichzeitig der am dünnste besiedelte Staat des Kontinents - haben gigantische Kräfte vor Millionen von Jahren aus dem Nordatlantik gehoben. Die größte Vulkaninsel der Erde liegt auf dem sogenannten Mittelatlantischen Rücken, der sich diagonal über das Eiland zieht - etwa 130 Vulkane sollen es sein, von denen allerdings nur ein Bruchteil als aktiv gilt. Während der letzten Eiszeit vor 10.000 Jahren haben sich riesige Gletscher durch das Gestein gefressen und ganze Landzungen glatt geschliffen. Geblieben sind zerklüftete Felsformationen und beeindruckende Fjordlandschaften mit teils mehreren hundert Meter hohen Wänden. Doch genau diese surreal von den Elementen gepeinigte Landschaft ist es, die die Westfjorde touristisch so attraktiv macht.

Wer außerhalb von Norwegen, Spitzbergen oder den Färöer Inseln in Europa Fjorde sehen will, wagt sich in den Nordwesten Islands. Der „Westfjords Way“ bildet die wichtigste Verkehrsachse über die Halbinsel und schlängelt sich rund 950 Kilometer durch ungezähmte Wildnis. An ihm entlang lassen sich zahllose Sehenswürdigkeiten, heiße natürliche Quellpools, Strände und Ortschaften erkunden. Polarfüchse, Papageientaucher, Wale und Delfine gehören zu den exotischen Lebewesen, die sich in der abgeschiedenen Einsamkeit Islands an Land, zu Wasser und in der Luft bestaunen lassen. Geschichten und Legenden über Trolle, Elfen, Flüche und Zauberei, Gesetzlose oder Helden mittelalterlicher Sagas prägen die Kultur des Landes, dem laut Überlieferung der Wikinger Flóki Vilgerðarson - auch bekannt als Hrafna-Flóki (zu Deutsch: Raben-Flóki) - den Namen gab. Im 9. Jahrhundert soll er, als er nach einem harten Winter beim Wandern die Treibeis-Massen in einem zugefrorenen Fjord erblickte, jenes Land Island getauft haben.

Für Hédinn Birnir Àsbjörnsson wurde die Bürde seines Vaters, der die Fabrikruine einst kaufte, zur Berufung - ein Zeugnis des Erbes einer ganzen Region. Er steht in der riesigen Halle, in der sich Wasser über Jahrzehnte den Weg nach unten gebahnt und beim Gefrieren Risse im Mauerwerk geöffnet hat. Hunderte Quadratmeter Material hat er auf dem löchrigen Dach angebracht, um es zu überholen. „Ich denke, ich habe es einigermaßen dicht bekommen“, schmunzelt er, während er durch die metergroßen Öffnungen im Herzen des Komplexes, wo früher schwere Spezialmaschinen ihren Dienst leisteten, drei Stockwerke hinauf zum Dach der Anlage blickt - an einem fast vergessenen Ort am nordwestlichen Ende der europäischen Zivilisation, den vor wenigen Jahren auch Hollywood für sich entdeckt hat.


Weitere Informationen

www.westfjords.is
www.visiticeland.com

Anreise: Flug ab Frankfurt a. Main oder München nach Reykjavik
Transferflug von Reykjavik nach Ísafjörður
Airline: Icelandair

Redaktioneller Hinweis: Die Recherche für manche Artikel in dieser Ausgabe wurde von Reiseveranstaltern, Hotels, Fluglinien oder Tourismusverbänden unterstützt.

Informationen des Umweltbundesamts über die Möglichkeit, den CO₂-Ausstoß Ihrer Reise zu kompensieren: www.umweltbundesamt.de/themen/freiwillige-co2-kompensation

Grafik_Island
Island, Westfjorde, mit mehreren Orten entlang des "Westfjords Way". © punktX GbR