
Den Namen Heiner Wilmer dürfte kaum jemand gekannt haben, bevor er plötzlich in allen Nachrichtensendungen des Landes auftauchte. Kein Wunder, denn der neue Vorsitzende der katholischen Bischofskonferenz Deutschlands vertritt als Bischof von Hildesheim nicht gerade eine Metropole wie Köln, München und Berlin. Nun muss der 64-Jährige die schwierige Aufgabe übernehmen, in Zeiten zunehmender Kirchenferne die oberste Stimme des Katholizismus im Lande zu sein.
Viele zerren ab jetzt an ihm: die konservativen Kollegen unter den Oberhirten, denen sich ihre Kirche schon viel zu weit der modernen Gesellschaft geöffnet hat, die Reformer, die das genaue Gegenteil vertreten, der Vatikan, den die deutsche Bischofskonferenz mit ihren Vorstößen manchmal gewaltig nervt, die wachsende Zahl der nicht kirchlich gebundenen Menschen, die den Einfluss des Katholizismus im Lande eindämmen wollen.
Kein dezidierter Vertreter eines bestimmten kirchenpolitischen Kurses
Heiner Wilmer war insofern eine schlaue Wahl, als er kein dezidierter Vertreter eines bestimmten kirchenpolitischen Kurses ist. Er bewegt sich theologisch innerhalb des römisch-katholischen Lehramts, sieht aber die Machtstrukturen in der Kirche kritisch und fordert zeitgemäße Veränderungen. Die Segnung homosexueller Paare begrüßte er, stellte aber die traditionelle Ehelehre nicht grundsätzlich in Frage.
Diese Mischung ist die beste Voraussetzung, gesprächsfähig zu bleiben in einer zunehmend diversen Gesellschaft. Die katholische Kirche kann nicht mehr auf dem hohen Ross daherkommen. Ihr Bevölkerungsanteil ist in Deutschland von 44 Prozent (vor 50 Jahren) über 32 Prozent (vor 25 Jahren) auf 24 Prozent (aktuell) gesunken, und ein Ende dieses Schrumpfungsprozesses ist nicht absehbar.
Nach allem, was man hört, ist Heiner Wilmer in Rom gut vernetzt. Das ist unverzichtbar in einer derart zentralistisch orientierten Gemeinschaft wie dem Katholizismus. Das Engagement des Deutschen für die soziale Frage dürfte Papst Leo XIV. imponieren, denn der hatte immerhin sein erstes offizielles Lehrschreiben der christlichen Liebe zu den Armen gewidmet.
Mit starker Abgrenzung gegenüber dem Protestantismus ist der Hildesheimer Bischof bisher nicht aufgefallen, im Gegenteil. Auch das ist wichtig in einem Land wie der Bundesrepublik, in dem die Bevölkerungsanteile von katholischer und evangelischer Kirche etwa gleich groß sind. Beide werden in Zukunft viel mehr zusammenarbeiten müssen, wenn sie gehört werden wollen.
Oberster Bischof muss den Eine-Welt-Gedanken vertreten
Der neue Vorsitzende der Bischofskonferenz wirkt auch nicht wie einer, der alles ausschließlich durch die deutsche Brille betrachtet. Eine Wohltat, denn wir sind nur ein sehr, sehr kleiner Teil der Erdbevölkerung. Trotzdem reicht unser Horizont leider oft nicht sehr viel weiter als bis zu den Landesgrenzen. Gerade Vertreter der Kirchen müssen aber Anwälte des Eine-Welt-Gedankens sein.


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