Nürnberg - Tag zwei der ÖPNV-Warnstreiks: Wenn es eines Beweises bedurft hätte, wie sich die Mobilität in Städten gewandelt hat, wurde er erbracht. Ein Kommentar von NN-Chefredakteur Michael Husarek.
11.02.2026 12:25 Uhr

Jetzt streiken sie wieder - und wahrscheinlich werden noch viele weitere Tage folgen, an den der öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV) ausfällt. In Nürnberg (wie in jeder anderen Großstadt) sind die Folgen besonders eindrucksvoll zu beobachten: Staus auf den Einfallstraßen, Elterntaxis, die die Straßen rund um die Schulhäuser verstopfen, und ganz generell viel mehr Individualverkehr als sonst.

Ohne U-Bahn, ohne Bus, ohne Straßenbahn bricht das öffentliche Leben zwar nicht zusammen, es stößt jedoch an Grenzen. Allzu lange sollten sich die Tarifverhandlungen zwischen der kampfeslustigen Gewerkschaft Verdi und den Arbeitgebern nicht mehr hinziehen - nicht auszudenken, was ein längere Zeit dauernder Arbeitskampf in den Ballungszentren auslösen würde.

Längst sind die öffentlichen Verkehrsmittel unverzichtbar geworden

Man kann es positiv drehen: Längst sind die öffentlichen Verkehrsmittel unverzichtbar, längst ist der Mobilitätswandel, den Politiker oft beschwören, in urbanen Zentren Realität geworden. In der Stadt lassen viele Menschen das Auto bewusst stehen oder schaffen sich erst gar keines an. Wer mit Vertretern der Generation Z spricht, weiß: Der Führerschein hat als Statussymbol ausgedient, im ländlichen Raum weniger, in Metropolen umso mehr.

Ergo sollten Kommunalpolitiker eines vordringlich tun: Den ÖPNV weiter ausbauen, denn neben dem Fahrrad ist er die wichtigste Stütze der neuen Mobilität. Allein nach Nürnberg pendeln werktäglich 196.000 Menschen ein. In München sind es sogar eine halbe Million Pendler. Nachdem die Urbanisierung - global und in Deutschland -voranschreitet, darf von weiter steigenden Pendlerströmen ausgegangen werden.

Der Streik der ÖPNV-Beschäftigten sollte deshalb zweierlei bewirken: Einerseits Bund und Land vor Augen führen, wie sehr sie den finanzschwachen Kommunen beim Ausbau der Linien unterstützen müssen. Denn in Städten ist heute schon zu wenig (Park-)Raum für Pkw. Und die zweite Lehre lautet: Es wäre schön, wenn Kommunalpolitiker, die aus sehr durchschaubaren Motiven ÖPNV-Projekte schlechtreden, damit aufhören würden.

Derzeit ist dies in Erlangen zu beobachten. In der Hugenottenstadt wird die geplante Stadt-Umland-Bahn (StUB) zum Wahlkampfthema stilisiert, obwohl alle Parameter für eine Realisierung der längsten Straßenbahnlinie Deutschlands sprechen, die den Norden Nürnbergs, Erlangen und Herzogenaurach auf dem Schienenweg verbinden soll.

Dieser Wandel hat weniger mit Ideologie als mit Vernunft zu tun

Ohne einen funktionsfähigen ÖPNV ist ein gedeihliches Miteinander in unseren, immer mehr an Bevölkerung wachsenden, Städten schwer vorstellbar. All dies bedeutet nicht, dies sei den Autofans versichert, dass Straßen zurückgebaut werden müssen. Es geht um kein Entweder-Oder, sondern um ein Verschieben der Machtverhältnisse auf den innerstädtischen Trassen.

Und diese Veränderung, auch das wäre wünschenswert, hat weniger mit Ideologie als mit Vernunft zu tun. Oder hat es jemand Spaß gemacht, sich am ÖPNV-Streiktag im Auto durch Nürnberg zu stauen?