
Kurz vor Ankunft wird es schwarz. Nachdem der Zug in den 10.648 Meter langen Tunnel der österreichischen Arlbergbahn eingefahren ist, herrscht für zehn Minuten absolute Dunkelheit. Dabei wird der Eurocity immer langsamer, direkt am Tunnelende stoppt er ganz: im auf 1300 Metern gelegenen Skiort St. Anton am Arlberg mit rund 2300 Einwohnerinnen und Einwohnern.
Die Türen öffnen sich. Während die Augen vor Helligkeit blinzeln, braucht auch der Kopf einen Moment, um zu begreifen, wo man angekommen ist. Schon vom Bahnsteig aus werden schneebedeckte, von der Nachmittagssonne angestrahlte Berge sichtbar. Überall surren Seilbahnen.
2016 wurden die Pisten von St. Anton in Tirol mit denen von Zürs, Lech, Warth und weiteren Vorarlberger Skiorten verbunden. „Ski Arlberg“, das sind seitdem rund 300 Abfahrtskilometer, es handelt sich um das größte zusammenhängende Skigebiet Österreichs.
„Skifahren hier ist genial, aber wirklich anstrengend“, sagt eine junge Frau in einer für einen Freund oder eine Freundin bestimmten Sprachnachricht - in einem aufwendig produzierten Werbevideo. „Meine Muskeln sind komplett am Ende“, gleichzeitig habe sich noch nie so lebendig gefühlt. Der Clip macht klar: St. Anton versteht sich als sportlicher Skiort, auch im Vergleich zu Lech, wo die Reichen urlauben. Familien mit Kindern kommen in dem Video gar nicht erst vor.
Wo in St. Anton und der Arlbergregion geschlemmt werden kann
Mag sein, dass die Pisten in St. Anton anspruchsvoller sind als drüben in Vorarlberg. Luxus gibt es hier aber auch. Je nach Geldbeutel fängt der morgens mit dem Kauf des 81,50 Euro teuren Tagesskipasses an oder abends mit dem Besuch eines vom Gastronomieführer Gault-Millau ausgezeichneten Haubenrestaurants.
Da wäre zum Beispiel die legendäre Hospizalm im Ortsteil St. Christoph mit der umfassendsten Bordeaux-Großflaschensammlung der Welt. Wer will, kann hier für 95.000 Euro eine 12-Liter-Flasche aus dem Jahr 2010 kaufen. Getrunken werden muss sie vor Ort. Im modernen Designhotel und -restaurant „Ullr“ treffen traditionelle Alpenaromen auf nordische und japanische Einflüsse.
Einzigartig sind auch die hausgemachten Schnäpse der Sennhütte - und das Restaurant in der Villa Trier, die 1911 von einem deutschen Möbelfabrikanten namens Carl Wilhelm von Trier errichtet wurde. Jedes Zimmer hat seinen eigenen Stil und versetzt einen zurück in eine andere Zeit. Das Gebäude stand länger leer, bis es Anfang der 1970er Jahre von der Gemeinde und dem Tourismusverband gekauft wurde.
St. Anton am Arlberg gilt als „Wiege des alpinen Skisports“
Eine stattliche Villa in einem Skidorf dürfte ziemlich ungewöhnlich sein. Und dazu noch öffentlich zugänglich: Im ersten Stock über dem Restaurant befindet sich ein Skimuseum, das vor oder nach dem Essen besucht werden kann.
Zu erzählen gibt es viel: St. Anton bezeichnet sich als „Wiege des alpinen Skisports“. Der legendäre Hannes Schneider war hier ab 1907 bei einem Hotel als Skilehrer angestellt und eröffnete 1921 die erste Skischule Österreichs. Mit seiner „Arlberg-Technik“ ermöglichte er es zahlreichen Menschen, das Skifahren systematisch zu erlernen. Seine Methodik, die später durch den Parallelschwung abgelöst wurde, verbreitete sich weltweit.
Der talentierte Skilehrer spielte in zahlreichen Skifilmen mit, darunter dem international erfolgreichen „Der weiße Rausch“ mit Leni Riefenstahl in der Hauptrolle. 1938 wurde Schneider als bekannter Kritiker des Nationalsozialismus verhaftet. Er konnte später in die USA ausreisen - wo er erneut eine Skischule gründete und ein ganzes Skigebiet aufbaute.
„Run of Fame“ in St. Anton am Arlberg: 85 Kilometer durch das gesamte Skigebiet
Weitere die Arlbergregion prägende Persönlichkeiten kann man entlang des 85 Kilometer langen Rundkurs „Run of Fame“ kennenlernen, der durch das Skigebiet führt. Höhepunkt ist die „Hall of Fame“, ein weiteres kleines Museum in der Bergstation der Flexenbahn.
Um die komplette Runde an einem Tag zu schaffen, muss man sich ranhalten - auch wegen der Wartezeiten, zu denen es an den Seilbahnen entlang der Hauptachsen kommen kann. Um dem Trubel zu entweichen, bietet sich der im Vergleich zum Galzig und Kapall deutlich entspanntere Rendlsektor an. Gleiches gilt für die Albonabahnen. Allein schon wegen der Aussicht lohnt sich zudem eine Fahrt in luftiger Höhe mit der spektakulären Vallugabahn.
Einige hundert Meter tiefer unterqueren Züge und inzwischen auch Autos den Arlbergpass. Der Bau des Eisenbahntunnels zwischen 1880 und 1884 gilt als Beginn der Skigeschichte von St. Anton, nicht nur wegen des touristischen Aufschwungs infolge der verbesserten Erreichbarkeit: Ein am Bau beteiligter norwegischer Ingenieur glitt damals auf zwei Brettern durch den Schnee zur Arbeit. Die einheimischen Bergbauern beäugten ihn skeptisch. Dass sich St. Anton zu einem Skigebiet der Superlative entwickeln würde, war für sie unvorstellbar.
Mehr Informationen
Anreise: Ab Nürnberg per Bahn in rund 5 Stunden mit ein bis zwei Umstiegen. Das Zentrum ist wenige Gehminuten vom Bahnhof entfernt, in die Ortsteile pendeln Busse. Ticketempfehlung: Sparpreis Österreich. Mit dem Auto 400 Kilometer in vier bis fünf Stunden.
Reisedauer: Ein verlängertes Wochenende oder eine Woche.
Beste Reisezeit: Das Skigebiet hat von Anfang Dezember bis Mitte April geöffnet.
Redaktioneller Hinweis: Die Recherche für manche Artikel in dieser Ausgabe wurde von Reiseveranstaltern, Hotels, Fluglinien oder Tourismusverbänden unterstützt.




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