Nürnberg - Erst die Mahnwachen in Minneapolis, jetzt die Protesthymne von Bruce Springsteen: Das gute Amerika erwacht. Und hat seinen ersten Sieg gegen Trump errungen, kommentiert Manuel Kugler.
30.01.2026 12:55 Uhr

Springsteens Erbe ging voran - ihm reichte eine einzige Minute. Eine einzige Minute, so kurz war der Teaser für einen Song, den Zach Bryan im Spätherbst postete. „Bad News“ handelt vom Verblassen des Sternenbanners, von verängstigten Kindern und der Einwanderungsbehörde ICE, die drauf und dran ist, auch deine Türen einzurammen.

Der kurze Song-Ausschnitt war für die US-Regierung - Heimatschutzministerin Kristi Noem gab sich „extrem enttäuscht“ - tatsächlich: Bad News. Weil ihre übliche Taktik, solchen Protest als unamerikanisch zu diffamieren, so gar keine Wirkung entfalten konnte. Zach Bryan, Ex-Navy-Soldat, Songpoet, einer der meistgestreamten Künstler der USA, ist längst eine amerikanische Ikone, deren kulturelle Wirkung über verfeindete politische Lager hinausreicht - und für viele deshalb: der neue Springsteen. Beide waren schon gemeinsam auf dem Cover des Rolling Stone zu sehen.

Nun also ist es der Boss selbst, der seine Stimme erhebt. Springsteens - in einem Tag geschriebener - Song „Streets of Minneapolis“ ist musikalisch ganz okay - er kommt aber zur rechten Zeit. Schon oft hat der 76-Jährige wütende Lieder über das Unrecht in den USA geschrieben. So schnell war er noch nie.

Bruce Springsteen nennt in „Streets of Minneapolis“ die Getöteten Renee Good und Alex Pretti beim Namen

„Streets of Minneapolis“, dessen Titel auf Springsteens „Streets of Philadelphia“ verweist, erzählt von Renee Good und Alex Pretti, den beiden von ICE-Beamten getöteten Amerikanern, von „König Trump“, von der Ungerechtigkeit, die auch jene erfahren, deren Hautfarbe nicht weiß ist. Und er erzählt, wie Springsteen es immer tut, auch von Hoffnung: „Wir werden für dieses Land einstehen.“

Dieses Land. Das ist eben nicht die derzeitige Regierung, auch wenn man das in Deutschland, wo viele mit einem überheblichen Gefühl der Überlegenheit auf die USA hinabsehen, gerne verwechselt. Sondern, noch immer: die vielen Menschen in Amerika, die nicht vergessen haben, was Recht und was Unrecht ist, selbst wenn sie womöglich einen harten Kurs in der Einwanderungspolitik befürworten. Die Menschen, deren Freundlichkeit, Tatkraft und Zuversicht kaum jemand vergisst, der einmal dort war. Das gute Amerika.

Dieses gute Amerika hat in Minneapolis einen Sieg errungen. Donald Trump hat ICE-Einsatzleiter Greg Bovino, der mit seinem martialischen Auftritten im Zweireiher-Mantel wie die Wiederkehr eines SA-Mannes wirkte, abgezogen. Was wie der Weg in den Faschismus aussah, festgehalten in beklemmenden Smartphone-Videos, könnte den Funken geben für eine neue Bürgerrechtsbewegung. Getragen von einem Amerika, in dem sich die Menschen schon immer selbst zu helfen wussten, weil - das ist tief in ihrem Selbstverständnis eingeschrieben - dem Staat nicht nur nicht zu trauen ist, sondern dieser Staat selbst zum Feind werden kann.

We take care of our own, im Zweifel können wir uns nur auf uns selbst verlassen. Auch das ist, nicht von ungefähr: ein Springsteen-Song.