Berlin - Ältere Menschen haben in unserer Gesellschaft keinen guten Ruf. Sie gelten oft als Blockierer. Harald Baumer findet das falsch und erläutert in seinem Kommentar, warum diese Gruppe unser politisches System rettet.
30.01.2026 12:46 Uhr

Der Schriftsteller Arno Schmidt provozierte gerne. Das allgemeine und gleiche Wahlrecht sei „Unsinn“, ließ er vor knapp knapp 70 Jahren in seinem Kurzroman „Seelandschaft mit Pocahontas“ eine seiner Figuren sagen. Wer wählen wolle, der solle besser „erst ne geschichtlich-geographische Prüfung ablegen“ müssen. Und „mit 65 Jahren“ solle „das Wahlrecht, aktiv wie passiv, überhaupt erlöschen“.

Manches, was man heute liest, klingt ähnlich. Zwar wagt es kaum jemand, eine solche Höchstaltersgrenze zu fordern. Aber Wählerinnen und Wähler über 60 und erst recht über 70 werden doch in der politischen Auseinandersetzung ziemlich oft als eine träge und uneinsichtige „Masse“ bezeichnet, die jeglichen Fortschritt verhindere, weil sie die Parteien nicht wähle, die ihr wehtäten. Was in der Pauschalität gar nicht stimmt, denn man gibt mit dem Rentenalter nicht seinen Verstand ab. Ältere wissen sehr wohl, dass gespart werden muss. Sie haben oft genug auch Kinder und Enkelkinder, an denen sie sehen, wie stark die Jüngeren belastet sind.

Die Älteren sind die Stabilisatoren unseres Systems

Was selten gewürdigt wird, das ist ein anderer Aspekt: Die Älteren sind die letzten Stabilisatoren des bewährten politischen Systems in Deutschland. Sie zeigen sich nachweisbar weniger anfällig für extreme Parteien und verhindern über ihr Kreuzchen in der Wahlkabine, dass diese noch stärker werden. Das wird auch das Wahljahr 2026 wieder zeigen.

Um nur ein Beispiel aus der Vergangenheit zu geben, sei die Bundestagswahl 2025 erwähnt. Da entschieden sich 24 Prozent der 25- bis 34-Jährigen für die AfD und sogar 26 Prozent der 35- bis 44-Jährigen. Und ab diesem Alter gingen die Zahlen spürbar nach unten. Bei den 60- bis 69-Jährigen waren es noch 19 Prozent und bei den Ü-70-Wählern lediglich zehn Prozent.

Im Osten der Republik, auf den heuer wegen der Wahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern besonders intensiv geblickt wird, ist diese Tendenz ebenfalls zu beobachten. Zwar sind die Rechtspopulisten hier generell in allen Altersgruppen stärker, aber dennoch schwindet auch hier die Zustimmung mit den Lebensjahren.

Die Erstwähler sind überaus sprunghaft bei ihren Wahlentscheidungen

Insbesondere im Vergleich mit den Erstwählern, die sehr sprunghaft sind und mal der FDP, mal den Grünen und neuerdings auch der AfD ihre Stimme geben, bleiben die Älteren standhaft, wenn ihnen scheinbar einfache Lösungen angeboten werden. Sie wissen aus Lebenserfahrung, dass selten funktioniert, was im ersten Moment ob seiner Radikalität gut klingen mag.

Es wäre besser, unsere Gesellschaft würde die zahlenmäßig immer stärker werdende Generation 65 plus nicht nur als Belastung wahrnehmen, sondern als eine Gruppe, die überzeugt werden kann vom dringend nötigen Umbau des Staates. Arno Schmidt war übrigens 45 gewesen, als er sein halb ernst gemeintes Alten-Bashing von sich gab. Kurz nach seinem 65. Geburtstag starb er. Schade, denn ein Mann wie er hätte sicher auch mit 75 oder 80 noch viel beizutragen gehabt.