
Sagen Ihnen die Abkürzungen 2G und 3G irgendetwas? Ein Tipp: Es handelt sich nicht um Mobilfunknetze. Des Rätsels Lösung lautet: So werden die zweite und dritte Generation nach dem Holocaust genannt - also die Kinder und Enkel von Opfern und Tätern oder Mitläufern.
Diese Generationen rücken immer mehr in den Fokus des Erinnerns - denn die Ära der Zeitzeugen, die von den Schrecken der Nazi-Diktatur aus eigener Erfahrung berichten können, neigt sich dem Ende zu. Das Erinnern muss also neu justiert werden. Seit vielen Jahren wird darüber diskutiert, manchmal etwas verkürzt. Wenn die Zwei-Wort-Strategie „Nie wieder“ ertönt, ist daran zwar nichts falsch, doch wie es gelingen kann, dieses „Nie wieder“ im Alltag mit Leben zu erfüllen, bleibt oft unausgesprochen.
Geopolitisch betrachtet beginnt Geschichte sich zu wiederholen
Was daran liegt, dass es eben keine einfache Antwort auf die Frage gibt, was eine zeitgemäße Erinnerungskultur knapp 100 Jahre nach dem Scheitern der Weimarer Republik ausmacht. Dabei wäre eine Antwort dringend erforderlich. Denn geopolitisch betrachtet beginnt Geschichte sich zu wiederholen. Auch wenn direkte Vergleiche wenig fruchtbar sind, muss es doch jeden schaudern, der die großen Linien vor Augen hat.
„Auffällig ist, wie sehr sich die Propaganda bei den Nazis und den heutigen Alleinherrschern weltweit gleicht“, konstatiert etwa Karl Freller, der als Direktor der Stiftung Bayerische Gedenkstätten mit Sorge auf Entwicklungen in den USA, Russland und vielen andern Staaten blickt. Freller ist kein Brandstifter, der lautstark für seine Ziele wirbt, der Schwabacher CSU-Politiker ist vielmehr ein Mann, der sich genau überlegt, was er sagt. „Ich gehöre zu denen, die unsere Demokratie für unerschütterlich gehalten haben. Jetzt erlebe ich, wie die Extremisten wachsen. Mich empört das“, mahnt er.
Wenn Freller auf Parallelen zu den 20er und 30er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts hinweist, sollte das als Alarmsignal gewertet werden. Bei der zentralen bayerischen Gedenkveranstaltung zur Befreiung des KZ Auschwitz vor 81 Jahren, die heuer in Nürnberg stattfand, waren denn auch viele nachdenkliche Töne zu hören.
Erinnerungskultur muss weiterentwickelt werden, sie sollte, so hat es der Leiter der KZ Gedenkstätte Flossenbürg kürzlich formuliert, mehr als Aggregatszustand denn als etwas Statisches verstanden werden. Nürnberg versucht sich an dieser Weiterentwicklung seit langem - durchaus mit Erfolg. Darauf ausruhen darf sich niemand. Denn die Herausforderungen sind enorm.
Den Lippenbekenntnissen müssen auch Taten folgen
Zunehmend murren jüdische Angehörige aus den Generationen G2 und G3 über den bundesdeutschen Umgang mit Antisemitismus. Sie sagen - noch hinter vorgehaltener Hand: Den „Nie wieder“-Lippenbekenntnissen müssen auch Taten folgen. Wenn also Aspekte der NS-Zeit verharmlosend oder gar scherzhaft aufgegriffen werden, sollte dazu nicht geschwiegen oder verschämt weggehört werden. „Nie wieder“ ist auch ein Auftrag zum Handeln! Tag für Tag.

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