
Der Bundeskanzler unterstellt mindestens einem Teil der Bürger, sie machten zu oft blau. Daher lässt er die telefonische Krankschreibung überprüfen. Die Deutschen arbeiteten zu wenig, sagt Friedrich Merz. Nun fordert der Wirtschaftsflügel seiner CDU ein Ende des Rechtsanspruchs auf „Lifestyle-Teilzeit“.
Wieder ein Vorstoß, der vor allem dies zeigt: sehr viel Misstrauen gegenüber den Menschen in Arbeit. Wenig Kenntnis von den Bedingungen, unter denen viele beschäftigt sind. Und erschreckend wenig Fantasie für bessere, einfachere, naheliegende Lösungen, wie tatsächlich mehr Menschen in Arbeit gebracht werden können.
Der Anteil der Frauen in Arbeit stieg durch den Rechtsanspruch stark
Ja, es arbeiten viele Menschen Teilzeit in Deutschland - mehr als in anderen Ländern. Vor allem Frauen. Als die rot-grüne Regierung 2001 den Rechtsanspruch auf Teilzeit einführte, stieg diese Beschäftigungsform kräftig - genau der Effekt, der gewünscht war, um für mehr Erwerbsbeteiligung der Frauen zu sorgen. Die liegt in Deutschland mit am höchsten in den westlichen Industrieländern.
Im Jahr 2024 arbeiteten 29 Prozent der Deutschen in Teilzeit – mehr als je zuvor. 49 Prozent sind es bei den Frauen, zwölf bei den Männern. Die meisten Frauen arbeiten reduziert, weil sie auch anderswo gebraucht werden - im Haushalt etwa, bei der Betreuung von Kindern oder bei der Pflege von Angehörigen. Manche von ihnen würden gern mehr oder Vollzeit arbeiten - wenn die Bedingungen passen: Oft fehlen aber Kitas oder andere Angebote. Und Arbeitgeber müssen der Rückkehr in Vollzeit zustimmen - was sie nicht immer tun. Es gilt: Das Unternehmen muss Teilzeit erlauben und kann sie auch ablehnen.
Die Wirtschaftsunion fordert nun, es brauche eine „besondere Begründung“ für Teilzeit. Wollte diese Regierung nicht Bürokratie abbauen? Eine solche Regel schafft eher neuen Aufwand. Und was soll der Begriff „Lifestyle-Teilzeit“ eigentlich ausdrücken? Ja, manche teilen sich die Arbeit so ein, dass es zu ihrem Leben passt. Das nennt man Wahlfreiheit. Andere würden gern mehr arbeiten. Und wieder andere, sehr viele, können von Teilzeit nur träumen: Sie müssen 40 Stunden oder oft mehr in mehreren Billig-Jobs, arbeiten, um über die Runden zu kommen.
Die Komplexität und Härte der Arbeitswelt ist offenbar vielen in der Politik nicht präsent. Und: Es gäbe viele andere Stellschrauben, um Arbeit attraktiver zu machen. Weniger Abgaben und Steuern auf Erwerbsarbeit vor allem. Oder die Abschaffung des Ehegattensplittings, das es für manche Frauen immer noch attraktiver macht, nicht zu arbeiten, auch wenn sie es könnten.
Menschen, denen man pauschal misstraut, nehmen das übel - zu Recht
Davon ist aber nicht die Rede in der Wirtschaftsunion oder beim Kanzler. Dort wird den Beschäftigten viel zu pauschal Missbrauch oder Arbeits-Unlust unterstellt. Dieses Misstrauen gegenüber den Menschen sorgt dort für Unmut bis Wut. Sie fühlen sich nicht ernst genommen, nicht - um ein Modewort zu verwenden - wertgeschätzt. Das aber ist für die Regierung gefährlich.

1 Kommentar
bengasi78
Die neue Kernkompetenz von CDU/CSU. Wöchentlich Arbeitnehmer als faul, Blaumacher und Lifestyleteilzeitarbeiter zu beschimpfen, die nicht mehr Leistungswillig sind. Die merken echt gar nichts mehr.
28.01.2026 22:04 Uhr