Nürnberg - Kanzler Merz würde am liebsten das Arbeitszeitgesetz abschaffen. Und er wettert gegen die zu hohe Zahl von Krankheitstagen. Da vergreift er sich im Ton, kommentiert Alexander Jungkunz. Und: Die Politik hat bessere Stellschrauben für mehr Wachstum.
20.01.2026 11:17 Uhr

Das tun sie gern, die Vorsitzenden von CDU und CSU: mal kräftig austeilen. Den Anfang machte Markus Söder vor einigen Tagen, dann wählte Friedrich Merz eine ganz ähnliche Tonlage: Die Deutschen seien zu häufig krank - machen also, so die Unterstellung, zu oft blau. Und müssten wieder mehr arbeiten.

Da sind sie beide steckengeblieben in ihrer alten Rolle: Es ist Sache der Opposition, die Regierung für Versäumnisse und Fehlentwicklungen zu kritisieren und sie anzutreiben, diese abzustellen. Nun aber regieren CDU und CSU ja gemeinsam mit der SPD im Bund. Und wären selbst in der Lage, die Stellschrauben für mehr Wachstum selbst richtig zu justieren.

Parteiisch und einseitig

Stattdessen setzen der Kanzler und der bayerische Ministerpräsident zuletzt lieber auf reichlich pauschale Vorwürfe - und offenbaren damit auch ein irritierendes Misstrauen gegenüber der Bevölkerung. Genauer: gegenüber den Arbeitnehmern. Sie sind da parteiisch und einseitig. Denn ihre Klage übers Blaumachen unterstellt vielen Beschäftigten ja Missbrauch. Beim Bürgergeld klang das ähnlich. Von Missbrauch durch Unternehmen etwa durch Steuerhinterziehung reden sie nicht.

Es wäre aber notwendig, gegen alle Formen von Missbrauch vorzugehen. Und dabei zu differenzieren. Viele Beschäftigte können sich Blaumachen - das es sicherlich gibt - gar nicht leisten, weil sie dann, gerade in prekärer Arbeit, ihren Job gefährden. Etliche gehen trotz Erkältung ins Büro. Ob die Abschaffung der telefonischen Krankschreibung hilft? Die Ärzte selbst sind uneins, die Kassen bezweifeln das massiv, zudem werde sie fast nicht genutzt. Und: Der Arbeitsdruck und damit das Risiko für Erkrankungen steigt, gerade in Zeiten, wo die Arbeitsplatzsicherheit wieder schwindet.

Längere Arbeitszeiten sind da nicht überall sinnvoll. Die Politik hat es in der Hand, mit anderen Schritten für mehr Wachstum zu sorgen. In vielen Betrieben raubt die immer aufwendigere Bürokratie mit Dokumentationspflichten und ähnlichen Regeln wertvolle Arbeitszeit - auch deshalb geht die Produktivität zurück. Da ließe sich ansetzen. Auch bei der Belastung von Arbeit durch Abgaben und Steuern: Sinkt sie, wird es attraktiver, eine Stelle anzunehmen. Und andere Länder haben so etwas wie das Ehegattensplitting längst abgeschafft, weil es verheiratete Frauen eher vom Arbeiten abhält.

Schaufenster-Vorstöße nerven nur

Daran sollte die Koalition arbeiten - anstatt offen über Schaufenster-Vorstöße wie die von Merz und Söder zu streiten. Eine Regierung darf die Menschen nicht weiter verunsichern, nicht einstimmen ins ohnehin riskante Schlechtreden des Landes, sie muss Mut machen und anspornen. Und nicht pauschal über Missstände klagen, an denen die Klagenden teils selbst schuld sind. Sondern durch abgestimmte und sozial austarierte Politik dafür sorgen, die Missstände zu beheben. Merz sollte endlich registrieren, dass er Kanzler aller Deutschen ist und nicht mehr der wirtschaftsnahe Oppositionsführer im Land.