
Der viel besungene deutsche Sozialstaat wackelt. Rund ein Fünftel der Deutschen ist von Armut und sozialer Ausgrenzung bedroht. Nürnberg liegt bundesweit auf einem wenig ruhmreichen vierten Platz unter den Großstädten. Hinter den Prozentzahlen stehen prekäre Lebensrealitäten. Ein Vorschlag aus der Berliner Lokalpolitik soll Abhilfe schaffen: Die Linken fordern staatlich finanzierte Kiezkantinen, in denen Bürger für nur drei bis vier Euro ein warmes Essen bekommen. Kostenpunkt laut Partei: zehn Millionen Euro im Jahr. Ist das nur linke Traumtänzerei oder eine einfache Lösung für ein komplexes Problem?
Natürlich beenden solche Kantinen keine Armut. Sie ersetzen keine armutsfeste Grundsicherung, keine bezahlbaren Mieten, keine Löhne, von denen man leben kann. Wer glaubt, man könne soziale Ungleichheit mit Erbsensuppe ausgleichen, verwechselt Fürsorge mit Gerechtigkeit. Wie auch die Tafeln bekämpfen Kiezkantinen nur die Symptome von Armut. Dort springen private Akteure, Ehrenamtliche und Vereine ein, wo der Staat versagt oder sich bewusst zurückzieht. Das ist bewundernswert, aber auch bequem für die Politik. Denn Solidarität wird ausgelagert, Verantwortung gleich mit.
Kiezkantinen: Was muss ein Sozialstaat leisten?
Es ist nicht davon auszugehen, dass Armut schlagartig verschwinden wird. Im Gegenteil, die Reform der Grundsicherung bedeutet vor allem eines: mehr Sanktionen, mehr Kontrolle, mehr Druck. Als ließe sich Armut wegdisziplinieren. Als gehe sie auf individuelles Fehlverhalten zurück und sei kein strukturelles Problem.
Auch Ernährungsarmut trifft die Schwächsten unserer Gesellschaft: Alleinerziehende, Rentner, Geflüchtete, Empfänger von Sozialleistungen - und Kinder in diesen Haushalten. Die Rechnung ist denkbar einfach: Wer wenig Geld hat, spart zuerst beim Essen. Wer günstig isst, isst oft ungesund. Wer sich ungesund ernährt, wird öfter krank. Der Zusammenhang zwischen Armut und ungesunder Ernährung ist zweifelsfrei belegt, unter anderem von der Heinrich-Böll-Stiftung im Jahr 2021.
Der Staat darf nicht überall eingreifen. Aber wenn das Kind einmal in den Brunnen gefallen ist, sollte er es auch selbst herausziehen – staatlich finanzierte Kantinen sind eine Möglichkeit dazu.
Kiezkantinen könnten ebenfalls ein wirksames Mittel gegen ein anderes großes Problem unserer Zeit sein: die Vereinsamung vieler. Denn das gemeinsame Mittagessen mit anderen ist soziale Teilhabe. Die ist gleichermaßen Voraussetzung wie auch Ziel unserer Demokratie.
Nein, solche Konzepte sind kein Allheilmittel. Aber sie zeigen, was ein handlungsfähiger Sozialstaat tun kann. Wie er eingreifen kann, wenn Grundbedürfnisse nicht mehr gesichert sind – niedrigschwellig, würdevoll und sichtbar. Und wie er Stärke beweist, indem er Menschen gar nicht erst durchs Raster fallen lässt.

1 Kommentar
Korrekturleser
„Kostenpunkt laut Partei: zehn Millionen Euro im Jahr.“
Für einen Stadtteil (oder was auch immer mit „Kietz“ gemeint ist, für mich als geborener Wessi ist das die Reeperbahn in Hamburg)? Wäre mal interessant, wie die da drauf kommen.
„Wer günstig isst, isst oft ungesund.“
Behaupten kann man vieles. Und ich behaupte, dass frisches Obst und Gemüse auch nicht teurer sind als irgendwelches Fertigfutter.
Und nicht vergessen, dass die Sätze für Sozialhilfe oder wie auch gerade immer das heißt von bestimmten Warenkörben abgeleitet ist.
25.01.2026 13:21 Uhr