
Von Jubel keine Spur, bestenfalls ein Durchatmen war in Berlin und anderen europäischen Hauptstädten nach der jüngsten Volte in der Grönland-Krise zu vernehmen. EU und Nato freuen sich mittlerweile schon über vermeintliche Selbstverständlichkeiten - in diesem Fall über den Nichtangriffspakt, den Donald Trump beim Weltwirtschaftsforum in Davos mit Nato-Generalsekretär Mark Rutte angekündigt hat.
Wie belastbar die Absprachen zwischen dem US-Präsidenten und Rutte sind, muss sich erst noch zeigen. Eines kann jedenfalls festgehalten werden: Die harte, kompromisslose Haltung der EU hat sich als richtig erwiesen. Offenbar ist das die Sprache, die der Dealmaker Trump versteht. Als Reaktion auf die angedrohten Zölle, von denen in Davos kein Wort mehr zu hören war, hatte Brüssel alle Register gezogen - von der Aussetzung des Handelsabkommens mit den USA bis zur Idee, mit eigenen Zöllen auf US-Produkte zu reagieren.
Wirtschaftssanktionen schrecken Trump offenbar massiv ab
Da mag die militärische Überlegenheit der Vereinigten Staaten noch so überwältigend sein, Wirtschaftssanktionen schrecken Trump offenbar massiv ab. Denn eines seine vollmundigen Versprechen, das wesentlich zu seinem Wahlsieg beigetragen hat, lautete: Die Amerikaner sollten baldmöglichst einen Aufschwung spüren. Davon kann nach einem Jahr Amtszeit allenfalls ansatzweise die Rede sein. Und mögliche EU-Sanktionen hätten eine weitere Verteuerung von Konsumgütern nach sich gezogen.
Europa kann Washington zumindest in wirtschaftlicher Hinsicht die Zähne zeigen. Nun geht es um konkrete Absprachen mit Trumps Administration. Am Ende dürften die USA wohl über eigene Militärbasen auf Grönland verfügen, die auch als US-Territorium gelten könnten, ihren Raketenabwehrschirm auch über der größten Insel der Erde aufspannen und bei der Nutzung der unter dem Eis Grönlands vermuteten Ressourcen ein Wort mitreden.
Trump selbst dürfte rasch das Interesse an Grönland verlieren. Der Mann ist ein Zocker, der sich neuen Zielen zuwenden wird. Das macht die geopolitische Lage nicht besser, doch zumindest das Schlimmste konnte abgewendet werden. Nicht auszudenken, wenn US-Truppen tatsächlich Grönland besetzt hätten, die Nato den Bündnisfall hätte ausrufen müssen und somit ein interner Waffenkonflikt sehr nahe rücken hätte können.
Dieses Schreckensszenario ist nun fürs Erste abgewendet. Aufatmen sollte dennoch niemand. Wer Trumps teils wirre Rede in Davos Revue passieren lässt, blickt weiterhin sorgenvoll in die Zukunft. Ein Mann, der sich selbst in höchsten Tönen lobt, ein Präsident, der Schwächen in der Geografie aufweist, ein Geschäftsmann, dem es egal zu sein scheint, ob er Autos, Immobilien oder Länder kauft, ein solcher Mann bleibt brandgefährlich für die ohnehin aus den Fugen geratene Weltordnung. Bundeskanzler Friedrich Merz hat in seiner Davoser Rede zurecht vor der „radikalen“ Änderung der US-Außenpolitik gewarnt. Anders formuliert: Das nächste Grönland kommt bestimmt!

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