Nürnberg - Zu Jahresbeginn hat Dänemark die letzten Briefkästen abgebaut. Ist das auch in Deutschland denkbar? Noch nicht, zumindest wenn man respektvoll agieren will, schreibt Stefanie Taube, Leiterin der Lokalredaktion Nürnberg, in ihrem Contra-Kommentar.
20.01.2026 11:11 Uhr

Seit dem 1. Januar stellt die dänische Post keine Briefe mehr zu. Als erstes Land in Europa ist man diesen Schritt gegangen und will sich fortan nur noch auf die Zustellung von Paketen konzentrieren. Klingt zunächst sinnvoll und konsequent angesichts immer weniger Briefe, die versendet werden. Auch in Deutschland nimmt die Briefpost seit Jahren zusehends ab. Laut Bundesnetzagentur ging die Zahl der Briefsendungen seit 2019 von knapp 13,6 auf nur noch rund 10,3 Milliarden Briefe zurück. Kann Dänemark also ein Vorbild sein?

Vermutlich noch lange nicht. Die Dänen sind den Deutschen nämlich erstens einen entscheidenden Schritt voraus: Die Digitalisierung ist dort viel weiter fortgeschritten als hier. Ein Blick in den Briefkasten zeigt: Briefe kommen vor allem von Firmen oder Behörden – laut Angaben der Bundesnetzagentur machen sie mittlerweile 95 Prozent der Briefpost aus. Es liegt also nicht an den Bürgerinnen und Bürgern an sich, dass zwar immer weniger, aber doch noch Briefpost in Deutschland verschickt wird, sondern daran, dass die digitale Infrastruktur in geschäftlichen und behördlichen Bereichen vielfach noch gar nicht ausreicht, um auf den klassischen Brief zu verzichten.

Zweitens, und vielleicht viel wichtiger: Der Verzicht auf Briefpost würde gleichzeitig auch die Ausgrenzung vieler Menschen bedeuten. Seniorinnen und Senioren jenseits der 80 zu zwingen, sich auf digitale Kanäle umzustellen, ist schon fast eine Respektlosigkeit dem Alter gegenüber. Natürlich gibt es Tablet-Kurse, Computer-Nachhilfe, Beratungsangebote, aber reicht das? Nein, das wird es nicht, und auch nicht jeder ist noch fit genug, um diese Transformation mitmachen zu können.

Die klassische Briefpost wird sich natürlich, wie in Dänemark, eines Tages auch bei uns erledigen. Heute aber ist die drängendere Frage doch noch, ob wir einen Teil der Bevölkerung weiter abhängen und ausgrenzen wollen, der sich durch die Digitalisierung in vielen Bereichen - sei es Online-Banking, die Abschaffung des klassischen Katalogs bei Warenhäusern oder das Retro-Telefonbuch - ohnehin schon ausgegrenzt fühlt. Wir vergeben uns nichts, wenn wir für Senioren erst einmal weiter Postboten durch das Land schicken.