Nürnberg - Unser Projekt ist dafür berüchtigt, der Leserschaft ungewöhnliche Themen zuzumuten. Zum Jahresbeginn kriegt ein Umspannwerk an der Adam-Kraft-Straße 17 im Herzen von Nürnbergs Stadtteil St. Johannis die große Bühne.
06.01.2026 19:00 Uhr

Errichtet wurde das Umspannwerk „St. Johannis“ 1955 bis 1956 auf einem bis dahin unbebauten Gartengrundstück, wie es sie hier auf den früheren Johannisfeldern bis weit in die Nachkriegszeit noch so einige gab. Sein Zweck: die Umwandlung von elektrischem Strom mit Mittel- in Niederspannung für den Hausgebrauch.

Nun würden wir dem Gebäude, das heuer seinen 70. Geburtstag feiert, keinen Artikel widmen, wäre es architektonisch und städtebaulich nicht bemerkenswert. Tatsächlich brachten die Maschinen- und Baudirektion der Städtischen Werke Nürnberg und der Bautechniker Hans Schatz das Kunststück fertig, ein reines Funktionsgebäude mit einfachen, aber wirkungsvollen Mitteln harmonisch in die gewachsene Wohnhausbebauung an der Adam-Kraft-Straße einzubinden und ihr am Palmplatz einen würdigen Kopfbau zu bescheren. Und das, obwohl zwischen dem Neubau und den nächsten Mietshäusern an der Straßenseite bis zur Fertigstellung der vom Büro Bickelarchitekten entworfenen Wohnanlage „Bellevue“ 2007 eine weite Lücke klaffte.

Dieser Zweckbau legt Wert auf eine ästhetische Außenwirkung

Ganz ungewöhnlich war dieser gestalterische Mehraufwand – wie schon bei den Umformerbauten der 1920er Jahre in der Tullnau und in der Geisseestraße – nicht: Wer einmal mit offenen Augen Zweckbauten der frühen Nachkriegszeit betrachtet, wird bemerken, dass man bei ihrem Entwurf durchaus Wert auf eine ästhetische Außenwirkung legte und sie teils gar mit Kunst am Bau versah.

Südseite 2025
Auch die weniger verschlossene Südseite des Bauwerks besitzt eine reich gegliederte Front. Der weitläufige Hofraum wird als Parkfläche für Fahrzeuge der N-ERGIE genutzt. © Sebastian Gulden

In der Adam-Kraft-Straße schuf man einen viergeschossigen Baukörper, dessen gelbbeige gestrichenes Tragwerk aus Stahlbeton mit großen, dunklen Stahltoren, Fenster- und roten Sichtklinkerflächen kontrastiert. Der Wechsel zwischen offenen, durchscheinenden Flächen an den Treppenhäusern und Büroräumen einerseits und den eher hermetischen Bereichen an der Transformatorenhalle mit ihren eng gestellten, hochrechteckigen Fenstern mit Einsätzen aus Glasbausteinen und Lochelementen andererseits zeigt die unterschiedlichen Nutzungseinheiten außen an und sorgt für ein abwechslungsreiches Bild. Ein flaches, mit Kupferblech eingedecktes Walmdach mit weitem Überstand und auffallend filigranem Querschnitt schließt das Werk nach oben ab.

Plan 1956
Diese Ansicht aus der Genehmigungsplanung für das Umspannwerk von 1956 kam fast genauso zur Ausführung. Die Fassade ist bis in die Details bis heute erhalten. © Zeichnung: Hans Schatz (N-ERGIE)

Auch beim letzten größeren Umbau 1978 (Planung: Büro Scharrer, Nürnberg) blieben die originalen Türen, Tore und Fenster mit ihren Rahmungen und Beschlägen erhalten, sodass sich das Umspannwerk noch heute weitgehend im Gewand der Wirtschaftswunderzeit präsentiert. Obwohl der Bau weder Denkmal- noch Ensembleschutz genießt, ist er doch ein bedeutsames Zeugnis der Technikgeschichte und ein Zeugnis dafür, dass Funktion und städtebauliche Einfügung einander nicht ausschließen müssen.

Am Schluss möchten wir uns herzlich bei der N-ERGIE und Frau Andrea Rudolph bedanken, die uns rasch, herzlich und unkompliziert alle erdenklichen Informationen zu dem Netzknoten haben zukommen lassen!

Diese Serie lädt zum Mitmachen ein. Haben Sie auch noch alte Fotos von Ansichten aus Nürnberg und der Region? Dann schicken Sie sie uns bitte zu. Wir erzählen die Geschichte dazu. Per Post: Nürnberger Nachrichten/Nürnberger Zeitung, Lokalredaktion, Kressengartenstraße 4, 90402 Nürnberg; per E-Mail: redaktion-nuernberg@vnp.de

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