Nürnberg - Am 19. November ist Internationaler Männertag - kein Grund zum Feiern, kommentiert Jannik Westerweller. Stattdessen müssen wir den Blick darauf richten, wem das Konstrukt Männlichkeit schadet - und wem es nützt.
19.11.2025 09:34 Uhr

Heute ist der Internationale Männertag. So wie gestern. Und vorgestern. Und auch morgen. Denn in einer Welt, in der Männer im gleichen Beruf mehr verdienen, mehr Macht haben und systematisch Gewalt an Frauen ausüben - kurzum, im Patriarchat -, ist jeden Tag Internationaler Männertag. Ein vollkommen überflüssiger Tag also? Überflüssig wird er erst, wenn man ihn feiert wie einen Junggesellenabschied oder einen Bollerwagen-Wander-Vatertag. Stattdessen gilt es, Männlichkeit kritisch zu hinterfragen.

Männer sterben fast fünf Jahre früher als Frauen. Männer gehen seltener zum Arzt - was fast schon zynisch ist, wenn man bedenkt, dass sich die Medizin an Männerkörpern orientiert. Männer machen seltener eine Psychotherapie. Männer suizidieren sich öfter als Frauen. Und trotzdem gilt es als Schwäche, über Schmerz, Angst oder Überforderung zu sprechen. Wer Stärke als Pflicht versteht, hält Schwäche für Verrat.

Männer sind gleichzeitig Gewinner des Systems und dessen Kollateralschaden

Die Anforderungen an eine moderne Männlichkeit sind kaum zu erfüllen. Männer sollen gleichzeitig stark, souverän und unerschütterlich sein – aber bitte auch sensibel, reflektiert und offen über ihre Gefühle sprechen. Sie sollen Leistung bringen, Risiken eingehen, durchhalten und funktionieren, aber gleichzeitig auf ihre mentale Gesundheit achten. Es ist das Bierbauch-Paradoxon: Der Bierbauch als Symbol einer Männlichkeit, die gleichzeitig Stärke und Genuss verlangt – und zugleich jene Schwäche, Verletzlichkeit und Überforderung verbietet, die genau daraus entsteht. Das Symbol einer Männlichkeit, die Macht verspricht, aber Menschlichkeit verbietet.

Und trotzdem ist vollkommen klar: Nicht Männer leiden am meisten unter dem Patriarchat. Die größten Lasten tragen Frauen, nicht-binäre Menschen, andere queere Menschen - alle, die nicht als „männlich“ durchgehen. Jeder Mann profitiert vom System – und jeder Mann stützt es, bewusst oder unbewusst. Diese Dinge widersprechen sich nicht. Beides kann gleichzeitig wahr sein. Nur: Was nützt ein Patriarchat, wenn seine Protagonisten an Herzinfarkten und Depressionen zugrunde gehen?

Männer sind also gleichzeitig Gewinner des Systems und dessen Kollateralschaden. Wie kann das sein? In der Steinzeit scheinen Männer und Frauen gleichberechtigt gewesen zu sein. Das Patriarchat entsteht erst mit zunehmendem materiellen Besitz. Dann festigt es sich kulturell - und pervertiert sich im Kapitalismus selbst. Dort funktioniert es nicht zufällig so gut - ist es doch seine kulturelle Schablone, sein Stützpfeiler. Der Kapitalismus fordert Menschen, die funktionieren, konkurrieren, sich durchsetzen. Das Patriarchat liefert: Der Mann, der über seine Grenzen hinausgeht, körperlich und psychisch, und die Frau, die unbezahlte Care-Arbeit übernimmt und damit unfreiwillig das System am Laufen hält. Männlichkeit ist eine Konstruktion. Sie wird gemacht, sie wird gelernt. Und sie ist veränderbar.