
Es ist eine erstaunliche Zahl: Für 40 Dollar lässt sich der Einkaufsliste der US-Supermarktkette Walmart nach ein Thanksgiving-Menü zubereiten, drei Gänge, mit Truthahn, Cranberries, Macaroni & Cheese, zehn Personen soll es satt machen. Erstaunlich deshalb, weil das Walmart-Menü im vergangenen Jahr noch 56 Dollar kostete.
Wenig erstaunlich dagegen: dass Donald Trump dies als Erfolg seines Kampfes gegen die Inflation reklamierte. Bloß überführten ihn Reporter schnell der Halbwahrheit - das Menü sank deshalb im Preis, weil es weniger Artikel umfasst und Walmart Markenprodukte durch Eigenmarken ersetzt hat.
Die Episode illustriert, dass in den an politischen Kämpfen ohnehin nicht armen USA auch um Thanksgiving solche Kämpfe ausgefochten werden. Mancher durchaus zu Recht, wie die Aufarbeitung um die Wurzeln des Feiertags, der an diesem Donnerstag gefeiert wird: Es ist eine sehr schöne Geschichte, dass die Ureinwohner den Kolonisten durch die ersten harten Winter auf dem neuen Kontinent halfen - und diese sich dann mit einer großen Dankesfeier erkenntlich zeigten. Nur blendet diese Geschichte aus, wie gnadenlos die US-Pilgerväter die Indigenen fortan von ihrem Land vertrieben.
Thanksgiving ist im Kern ein Familienfest - doch es ist so viel mehr
Diese Einordnung braucht es, bevor jetzt eine womöglich überraschende These aufgestellt wird: Nämlich die, dass wir von Thanksgiving einiges lernen können. Drei Dinge, um genau zu sein.
Erstens: Thanksgiving grenzt niemanden aus. Der Feiertag ist in keiner bestimmten Religion verwurzelt, sondern betont seinem Geist nach das Unterschiede Überwindende zwischen den Menschen. Bei Thanksgiving bleibt niemand außen vor oder hat, wie manche Nichtchristen an Weihnachten (bei aller Säkularisation), das Gefühl, doch nicht so ganz dazuzugehören. Thanksgiving ist im Kern ein Familienfest, doch es ist so viel mehr: Manche schauen bewusst über die eigene Familie hinaus und laden Menschen ein, die arm sind oder allein. Andere machen eine Feier mit Freunden zur Tradition, Friendsgiving heißt das dann auf Instagram.
Zweitens: Es ist ein Tag, an dem sich viele Menschen bewusst machen, wie gut es das Schicksal mit ihnen gemeint hat, und etwas zurückgeben wollen. Wenn Prominente wie Arnold Schwarzenegger Truthahn-Essen an bedürftige Familien verteilen, mögen Zyniker das als PR in eigener Sache abtun. Aber immerhin: Sie tun etwas. Tun wir es?
Drittens - und vielleicht am wichtigsten: Thanksgiving ist ein Fest der Dankbarkeit. Und damit ein Leuchtturm in einer Zeit, in der viele Unzufriedenheit in sich tragen. Bei unserer Jagd danach, was fehlt, übersehen wir leicht, was wir schon haben.
Natürlich, Thanksgiving ist nur fast ein perfekter Feiertag – aber zweifellos eine gute Erinnerung daran: Dankbarkeit ist kein Luxus, der aus Überfluss entsteht. Sondern eine Haltung. Eine ziemlich heilsame sogar. Die uns auch in Deutschland guttun würde.

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