
Können Sie sich noch an die Worte erinnern, die Ihnen neulich die Bedienung im Café oder der Verkäufer im Kaufhaus zum Abschied gesagt hat? War es ein herzliches "Frohe Weihnachten" oder doch nur ein nüchternes "Schöne Feiertage"?
An der Antwort auf diese scheinbar belanglose Frage wäre mancher Politiker mit Blick auf die eigene Agenda höchst interessiert (womöglich sogar Markus Söder, dazu später mehr). Denn an eben dieser Antwort entzündet sich ein Kulturkampf, der - wie quasi alle Kulturkämpfe - in den USA erfunden wurde. Und der - wie die meisten dieser Kulturkämpfe - mit ein bisschen Zeitverzögerung auch Deutschland erreicht.
Kita schaffte angeblich den Christbaum ab - nur stimmte das nicht so ganz
"Krieg gegen Weihnachten" heißt dieser Kulturkampf; betrieben wird der Krieg angeblich von Linken und Menschen, die das Christentum zerstören wollen. Was so ziemlich das Gleiche ist in den Augen derer, die Weihnachten bedroht sehen. So wie Donald Trump, der das diesjährige Kapitel aufgeschlagen hat im "Krieg gegen Weihnachten", diesem Märchen, das in Amerika inzwischen so fest zur Adventszeit gehört wie der Weihnachtsbaum am Rockefeller Center in New York.
Mit ihm als Präsident, sagte Trump, "werden wir wieder stolz ,Frohe Weihnachten’ sagen". Denn jene Worte verbieten manche Konzerne ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern angeblich. Um bloß niemandes Gefühle zu verletzten, dürften die Beschäftigten - politisch korrekt und weltanschaulich neutral - lediglich "Schöne Feiertage" wünschen.
Dass er von Trump gelernt habe, wies Markus Söder jüngst zwar weit von sich. 2023 versuchte sich der Nürnberger aber selbst darin, die Mär vom "Krieg gegen Weihnachten" nach Deutschland zu importieren. Auf X schrieb Söder damals: "Zu Weihnachten gehört ein Weihnachtsbaum" - und teilte einen Artikel über eine Hamburger Kita, die den Weihnachtsbaum abgeschafft habe, aus Rücksicht auf nicht-christliche Kinder. Was so einfach nicht stimmte.
"Krieg gegen Weihnachten": Die Nato wünscht lediglich "Frohe Festtage"
Für den Kindergarten hatte das Drohungen und Erpressungsversuche zur Folge, für Söder den erwünschten Effekt: Deutschland debattierte über falsch verstandene Toleranz gegenüber anderen Religionen, deren Vertreter ihrerseits teils höchst intolerant sind. Von dem so geschürten Unbehagen gegenüber all jenen, die anders aussehen oder an anderes glauben, profitieren stets rechte Kräfte.
Und wenn wir schon bei rechten Kräften sind: Auf der Suche nach neuen Belegen für den "Krieg gegen Weihnachten" musste sich Ex-Bild-Chef Julian Reichelt heuer ziemlich lange durchs Internet klicken. Bis er in seiner Verzweiflung wenigstens auf einen Clip der Nato stieß, in dem nur von "Frohen Festtagen" die Rede ist und "Weihnachten" verschwiegen wird.
Dagegen wirkt sogar Söder souverän. Der ließ es in diesem Advent friedlich angehen - auf Instagram gab es Söder-Christbaumkugeln, Söder-Lebkuchen und Söder-Weihnachtspullis, aber keinen "Krieg gegen Weihnachten". Weihnachts-Trash statt Kulturkampf also. Jedenfalls zu Weihnachten 2024.
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