Nürnberg - Nürnberg soll ein Haus der Demokratie erhalten: Der Stadtrat steht den Plänen der Verlegerinnen der Nürnberger Nachrichten positiv gegenüber - nur die AfD verweigert ihre Zustimmung. Jetzt geht es um ein schlüssiges Konzept.
23.10.2025 14:23 Uhr

Große Einigkeit: Der gemeinsame Antrag von CSU, SPD und Grüne, im ehemaligen Nazi-Gauhaus in Nürnberg den Weg für ein Haus der Demokratie zu bereiten, stieß im Stadtrat auf fast einhellige Zustimmung. Die neue Bildungseinrichtung, die Nürnbergs besondere Mediengeschichte zum Anlass nimmt, um vor den Gefahren der Propaganda im Zeitalter der „Fake News“ zu warnen, soll nun konkrete Formen annehmen. Der nächste Schritt könnte eine Machbarkeitsstudie sein.

Medienbildung soll in den Räumen in der Marienvorstadt ganz oben auf der Agenda stehen. „Gerade im Gedenkjahr an 80 Jahre Kriegsende steht das Gebäude wie kein zweites in Nürnberg für den Übergang von der verbrecherischen NS-Diktatur zum demokratischen Neuanfang mithilfe einer freien Presse“, heißt es in dem Antrag der drei größten Fraktionen.

„An diese Tradition anknüpfend verleiht der Verlag Nürnberger Presse seit 2024 einen eigenen jährlichen Preis für demokratisches Engagement und ist auch Mitglied der Allianz gegen Rechtsextremismus. In Zeiten von Desinformation, Fake News, Vorwürfen der „Lügenpresse“ etc. ist der Wert einer freien und pluralen Presse in strikter Abgrenzung zu Hetzzeitschriften wie Streichers ‚Der Stürmer‘ für unser demokratisches Gemeinwesen und die parlamentarische Arbeit frei gewählter Mandatsträgerinnen und Mandatsträger in Stadt, Land und Bund essentiell.“

Die Stadt Nürnberg fühlt sich auch für Objekte zuständig, die ihr nicht gehören

Genau diesen Stellenwert, das betonte Kulturbürgermeisterin Julia Lehner, gelte es herauszuarbeiten. „Wir fühlen uns auch für Objekte verantwortlich, die der Stadt nicht gehören“, sagte Lehner. Und verwies auf den Bahnhof Märzfeld und den Saal 600. Auch dort seit die Kommune in der Erinnerungsarbeit aktiv.

Mit Blick auf den Marienbau müsse von Verwaltung und Verlag Nürnberger Presse (VNP) nun ein Konzept erarbeitet werden, das eine Nutzungsoption aufzeigt. „Die Verwaltung prüft, inwiefern sich eine neue Bildungseinrichtung inhaltlich verzahnen ließe mit bestehenden städtischen Einrichtungen der historisch-politischen Bildungsarbeit wie dem Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände, dem Memorium Nürnberger Prozesse oder dem Bildungscampus Nürnberg.“

CSU-Fraktionschef Andreas Krieglstein steht hinter den ambitionierten Plänen: „Wir sind dankbar, das Verlagshaus hier zu haben“, sagte er und wies auf den Zusammenhang zwischen Demokratie und Meinungsfreiheit hin. Die Grünen sehen das ähnlich. Stadträtin Réka Lörincz regte an, eine „Brücke in die Gegenwart schlagen“ und in der künftigen Bildungseinrichtung auch auf die NSU-Geschichte zu blicken.

Die Nürnberger Nachrichten brachten viel zum NSU ans Tageslicht

Denn anhand dieser könne verdeutlicht werden, „welche Bedeutung investigativer Journalismus, der Demokratie schützt, hat“. Zum Hintergrund: Gerade zu den Verstrickungen der NSU-Terrorgruppe in Franken hat das Rechercheteam der Nürnberger Nachrichten und des BR immer wieder Neuigkeiten ans Tageslicht gebracht.

Auch die SPD will das Haus der Demokratie stützen: „Wenn wir nicht rechtzeitig in Demokratie investieren, finden wir uns vielleicht in nicht-demokratischen Strukturen wieder“, betonte Stadträtin Diana Liberova. Ähnlich argumentieren auch die Vertreter kleinerer Gruppierungen. Allerdings waren auch kritische Stimmen zu hören: Der finanzielle Rahmen sei völlig unklar, meinte etwa Ümit Sormaz von der FDP, Titus Schüller von den Linken warnte angesichts vieler anderen Projekte, sich nicht „zu verzetteln“. Zugestimmt haben dennoch alle Gruppierungen, mit Ausnahme der AfD. Gruppenchef Roland Hübscher meinte lapidar: „Nürnberg ist in dieser Hinsicht schon sehr gut versorgt.“

Die spannende Geschichte des Hauses in der Marienstraße 11

Nun soll ausgelotet werden, was genau in der Marienstraße 11 an Bildungsarbeit möglich sein könnte. Die bewegte Geschichte des denkmalgeschützten Hauses ist spannend: Das unbebaute Grundstück hatte die Stadt der jüdischen Eigentümerfamilie Tuchmann im März 1934 zu einem zu niedrigen Preis abgekauft, um es am 12. Februar 1935 Julius Streicher anlässlich seines 50. Geburtstags zu schenken. Mit Franz Ruff wurde der Architekt der SS-Kaserne und der Kongresshalle mit dem Bau einer neuen Parteizentrale beauftragt, die im März 1937 fertiggestellt war.

Nach Kriegsende ging das Gebäude an die US-Militärregierung über, die es dem Verleger Joseph E. Drexel zur Nutzung übergab. Im April 1949 erwarb Drexels Verlag Nürnberger Presse Streichers früheres „Gauhaus“, wobei ein Teil des Geldes zur Entschädigung an die jüdischen Vorbesitzer ging. Seither nutzte der Verlag Nürnberger Presse das Haus als Hauptsitz, bevor er im Frühjahr 2025 neue Räumlichkeiten am Wöhrder See bezogen hat.

„Wir wollen die Doppelgeschichte dieses Gebäudes aufgreifen“, fasste Julia Lehner die Bedeutung des Vorhabens zusammen. Meinungs- und Pressefreiheit seien die Voraussetzung für eine funktionierende Demokratie.