
Fast 65 Millionen Menschen haben sich in Deutschland gegen das Coronavirus impfen lassen. Laut Bundesgesundheitsministerium wurden zwischen Dezember 2020 und April 2023 mit zweiter und dritter Dosis insgesamt 192 Millionen Covid-Impfungen verabreicht.
Wer sich impfen hat lassen und wer nicht, haben nun Wissenschaftler der Universität Bamberg untersucht und dafür verschiedene soziale Gruppen analysiert. Dabei haben sie festgestellt, dass weder das Alter, der Bildungsstand noch subjektive oder objektive Belastungen durch die Pandemie einen Unterschied ausmachen. Dafür: die politische Einstellung.
„Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass die politische Stimmung vor einer Pandemie Einfluss darauf haben kann, wie Menschen auf zentrale Gesundheitsmaßnahmen reagieren“, erklärt Soziologieprofessor Rasmus Hoffmann.
Vor allem Menschen, die die Pandemie als Bedrohung für ihre persönliche Freiheit und Bürgerrechte wahrgenommen haben und sich in dieser Zeit politisch nicht repräsentiert fühlten, haben sich gegen eine Covid-Impfung entschieden.
Die Studie zeigt: Unterstützerinnen und Unterstützer der Alternative für Deutschland (AfD) ließen sich im Schnitt 28 Prozentpunkte seltener gegen das Coronavirus impfen als die Wählerinnen und Wähler anderer Parteien.
„Wer glaubt, dass staatliche Maßnahmen die eigene Freiheit gefährden, ist oft kaum durch Appelle an die Eigenverantwortung zu erreichen“, sagt Alexander Patzina vom Lehrstuhl für Soziologie. „In solchen Fällen stehen Regierungen vor einem Dilemma: Freiwilligkeit stößt an Grenzen, verpflichtende Maßnahmen aber können den Widerstand noch verstärken.“
Deutsche fordern Aufarbeitung der Corona-Maßnahmen
Die letzten Vorschriften zum Eindämmen der Pandemie in Deutschland sind inzwischen seit rund zwei Jahren beendet, trotzdem ist das Thema nach wie vor für einige Menschen präsent. Immer wieder gibt es Forderungen nach einer unabhängigen Aufarbeitung - vor allem auch der politischen Entscheidungen.
Für ihre Untersuchung haben die Bamberger auch mit dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg und dem Institut für angewandte Sozialwissenschaft (infas) in Bonn zusammengearbeitet. Dazu haben sie 7762 Personen zwischen März und Oktober 2021 monatlich befragt.
Neben der Impfbereitschaft machten die Teilnehmenden Angaben zu demografischen Merkmalen, persönlichen Pandemie-Erfahrungen, ihrer Meinung zu Covid-19-Maßnahmen sowie dem Vertrauen in Politik und Gesellschaft. Die Ergebnisse sind jetzt in der Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie erschienen.
Das Forschungsteam betont, dass die Erkenntnisse grundsätzlich für die Gesundheitspolitik relevant sind: Bewegungen, die während einer Krise Ängste um Freiheitsrechte schüren, könnten den Erfolg öffentlicher Präventionsmaßnahmen deutlich mindern.
„Das betrifft nicht nur Covid-19, sondern kann auch künftige Impfkampagnen, etwa gegen Grippe oder neue Infektionskrankheiten, sowie Gesundheitsmaßnahmen zu ganz anderen Themen, wie etwa Hitzebelastung, beeinflussen“, sagt Hans Dietrich vom IAB in Nürnberg. Die Analyse mache deutlich, dass es nicht allein um medizinische Aufklärung gehe, meint Patzina. „Politische Kommunikation, gesellschaftlicher Dialog und das Gefühl, gehört zu werden, sind entscheidend für die Akzeptanz von Gesundheitsmaßnahmen.“



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