Straßburg - Vegane Produkte sollen künftig nicht mehr Wurst heißen dürfen - zumindest, wenn es nach der Union geht. Dass mit diesen Begriffen Symbolpolitik gemacht wird, ist peinlich, kommentiert Jannik Westerweller.
07.10.2025 16:50 Uhr

Auf drei Dinge kann man sich in Deutschland verlassen: den Feierabend, das Amen in der Kirche - und den kulturellen Würgereflex, wenn das Wort „vegan“ auf der Verpackung steht. Am Mittwoch stimmt das EU-Parlament darüber ab, ob Begriffe wie „Wurst“ oder „Steak“ nur noch für Fleischprodukte verwendet werden dürfen - das Aus für vegane Schnitzel und vegane Wurst. Der Vorstoß kommt aus der Fraktion der Europäischen Volkspartei, der CDU und CSU angehören. Bundeskanzler Friedrich Merz und Bundeslandwirtschaftsminister Alois Rainer unterstützen den Vorstoß ausdrücklich. Schließlich sei der Begriff „Wurst“ bei veganen Produkten irreführend.

So weit, so absurd. Denn tatsächlich weiß jeder Supermarktkunde: In veganer Wurst steckt kein Fleisch. Warum sie dennoch so heißt? Ja, es mag für manch leidenschaftlichen Fleischesser schwer zu verdauen sein, doch: Auch Veganer essen gerne Wurst. Denn allzu oft ist nicht die Geschmacksfrage ausschlaggebend für die Entscheidung, auf tierische Produkte verzichten zu wollen. Vielmehr ist es oft der Wunsch, sich klimafreundlicher zu ernähren und kein Tierleid zu verursachen. Der Begriff „Wurst“ beschreibt längst nicht mehr die Zutat, sondern die Form und einen kulturellen und kulinarischen Kontext. Wer vegane Wurst kauft, will eine fleischfreie Alternative, die vertraut schmeckt oder sich so verarbeiten lässt wie das tierische Original. Der Markt folgt diesem Bedürfnis, die Sprache zieht mit.

Verbot von veganer Wurst: Was ist dann mit Fleischpflanzerln und Scheuermilch?

Leicht lässt sich das Argument der irreführenden Bezeichnung ad absurdum führen: Denn was machen wir dann mit den Fleischpflanzerln, die - trotz des Namens - nicht auf der Wiese wachsen? Wer sich wegen des Wortes „Wurst“, trotz der Aufschrift „vegan“, trotz des großen gelb-grünen Labels, trotz Soja und Seitan auf der Zutatenliste im Supermarktregal vergreift, hält womöglich auch Scheuermilch für ein erfrischendes Getränk. Hält die Union ihre Wählerschaft wirklich für so dumm? Hält sie den Bürger für so ahnungslos, dass er Erbsenprotein kauft, wenn er nach Schwein sucht?

Das ist Symbolpolitik in Reinkultur: Während die Welt buchstäblich brennt, entscheidet sich die Politik, gegen Begriffe vorzugehen. Dabei würde sich die Frage nach der richtigen Ernährung vortrefflich für den politischen Diskurs anbieten. Stattdessen feilscht man um Etiketten. Und feiert das Ergebnis als Sieg für den Verbraucherschutz.

Doch dieser ist nur ein vorgeschobenes Argument: Was hier stattfindet, ist ein kulturkonservativer Abwehrkampf gegen neue Ernährungsformen. Vegane Wurst wird zur Bedrohung erklärt – nicht, weil sie wirklich erfolgreich täuscht. Sondern, weil die Anti-Vegan-Haltung sich bei einem konservativen Publikum, das möglicherweise Angst vor dem viel herbeigeredeten „Fleisch-Verbot“ hat, gut verkaufen lässt. Damit ernsthaft Politik zu machen, ist nicht nur opportunistisch - es ist auch peinlich.