
Ein Spätnachmittag am Hefnersplatz anno 1903. Die Herbstsonne steht tief am Horizont, und die Fronten der Häuser werfen lange Schatten über das Pflaster, auf feine Herren in Frack und Zylinder und ein beschürztes Dienstmädchen, das schwer an seinen prall gefüllten Einkaufstaschen trägt. Eine Straßenbahn der weißen Linie rattert von der Karolinenstraße heran. Ihre rutenartigen Stromabnehmer sind gut zu erkennen; die Oberleitung dagegen ließ der Maler Ernst Loesch – noch ein Vorteil der Malerei – einfach weg. In der Ferne glänzen die teilvergoldeten Turmhelme von St. Lorenz vor dramatischer Wolkenkulisse. Der Star des Bildes aber ist das Eckhaus Karolinenstraße 55/57. Das Streiflicht der Sonne unterstreicht seine malerisch im Nürnberger Stil, mit Erkern, Schneußen und Pässen gegliederten Fassaden, filigranen Giebel, Gauben und Zwerchhäuser. Am liebsten möchte man in dieses Bild hineinspringen, zurück in die Zeit, da Nürnbergs Altstadt noch heil war.
Wobei: So heil war sie da schon nicht mehr. Denn für den gewaltigen Neubau hatte – nicht zum ersten und nicht zum letzten Mal – ein Stück Alt-Nürnberg fallen müssen. Quasi im letzten Moment hatte der rührige Hausforscher Fritz Traugott Schulz im Februar 1902 die spätmittelalterlichen Häuser Karolinenstraße 57 und Färberstraße 1 mit der Kamera einfangen können, bevor sie für immer verschwanden.
Co-Auftraggeber für den Neubau (und Loeschs Aquarell) war die „Nürnberger Bank AG“, die 1908 in der Bayerischen Vereinsbank aufging. Für die Adresse Karolinenstraße 55 hingegen trat der aus Hinterpommern zugewanderte Schneidermeister August Kujath mit seiner Frau Johanna als Bauherr auf (daher auch das Monogramm „AK“ am Nordgiebel). Die Pläne fertigte der Architekt Emil Hecht. Er tat sich in jenen Jahren als Verfechter des „Nürnberger Stils“ hervor, der die örtliche Baukunst des 16. Jahrhunderts mit ihrer Mischung aus Formen der späten Gotik und frühen Renaissance aufgriff und von Stadtbildschützern als Königsweg für Neubauten im Weichbild der Altstadt angesehen wurde. Der Bildhauer Johann Schiemer verantwortete den skulpturalen Bauschmuck.
Neben der Bankfiliale in der Karolinenstraße in Nürnberg wohnten Direktor und Bankdiener
Neben einer Bankfiliale beherbergte der westliche Teil des Hauses die sich über zwei Geschosse erstreckende, herrschaftliche Wohnung ihres Direktors Julius Ulmer und – unter dem Dach – des Bankdieners Johann Seybert und seiner Familie. In Kujaths Hausteil dagegen zogen das Konfektionshaus Rudolf Schmoller und eine Dependance der Kölner Fotostudiokette Samson & Co. ein, in der sich über die Jahrzehnte Abertausende Nürnberger fürs Familienalbum ablichten ließen. Filialleiter Philipp Braunschweiger war Vorsitzender der Ortsgruppe des „Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten“ und betrieb nebenbei einen Vertrieb von Haussegen. Die Wohnung im zweiten Stock mieteten der jüdische Rechtsanwalt Ludwig Isner mit seiner Frau Bella und Sohn Heinz, die später vor der Verfolgung durch die Nazis nach Großbritannien fliehen mussten.
Am 2. Januar 1945 erlitten Dach und oberstes Geschoss schwere Luftkriegsschäden. Die Reste der einsturzgefährdeten Giebel mussten ebenso weichen wie das alte Dachwerk, das man durch einen stark vereinfachten Neubau ersetzte. Die späte Nachkriegszeit beglückte die Ladenzone der Karolinenstraße 55 mit einer radikalen Entkernung und einem ebenso sinnlosen wie hässlichen Vordächelchen aus brüniertem Blech, das die originalen stichbogigen Arkaden verdeckt.
Und doch, viel Schönes ist erhalten geblieben, so die wunderbare Bauskulptur mit Schiemers neugotischem Vordach, der mächtige Nürnberger Frauenadler über dem früheren Eingang zur Bankfiliale, die alte Haustür und die originale Treppe mit reichem Kunstschmiedegeländer. Heute steht das Eckhaus unter Denkmalschutz und mit ihm ein Stück Nürnberg, das uns an eine Vergangenheit erinnert, in der sich unsere Stadt im Umbruch befand und sich gleichzeitig seiner reichen Geschichte besann.
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