Berlin - Schuld sind immer die anderen. Diese Denkweise hat sich bei uns eingebürgert. Harald Baumer empfiehlt in seinem Kommentar, weniger über das schlechte „System“ zu reden und mehr über unsere eigenen Chancen.
19.08.2025 06:00 Uhr

Seit geraumer Zeit enden viele Gespräche im Freundes- und Bekanntenkreis mit der erschütternden Erkenntnis: Deutschland hat abgewirtschaftet. Man muss ja nur auf unsere kaputten Brücken, unsere unpünktliche Bahn, die monatelangen Wartezeiten auf medizinische Untersuchungen und die Verteidigungs(un)fähigkeit unserer Bundeswehr blicken.

Die Diagnose ist durchaus richtig. Was an den Gesprächen stark irritiert, das ist die Art und Weise, wie diese Personen darüber sprechen. So, als ereigne sich das alles weit außerhalb unserer eigenen Einflusszonen. Da ist dann schnell von der Politik, den Medien, dem Gesundheitssystem, der Bahn, der Wirtschaft oder gar dem System die Rede. Alle möglichen Verantwortungsträger unserer Gesellschaft sind schuld, so viel steht fest, nur eine Person nicht, nämlich der Mensch uns gegenüber, der sich über das alles beschwert.

Ewiges Gemecker: Die Probleme liegen tiefer

Eine ziemlich törichte Denkweise. Mann kann nicht alles auf ein paar prominente Köpfe schieben. Wenn ein Land Probleme hat, dann hat das sicher auch mit mutlosen und entscheidungsschwachen Politikern zu tun, aber im Wesentlichen doch damit, dass tiefergehend etwas nicht stimmt.

Dass Deutschland über zu wenige junge Menschen verfügt und die Rentenkasse kollabiert, das liegt an vielen Millionen, die sich ganz persönlich gegen Kinder entschieden haben. Dass zu selten Patente aus der Bundesrepublik kommen, liegt an denen, die diese genialen Ideen haben müssten. Dass sich große Bauprojekte elend lange hinziehen, liegt an uns, die wir auf Rechtsmitteln beharren - zumindest dann, wenn wir selbst betroffen sind.

Der Staat und seine Repräsentanten sollen mit diesem Text nicht aus der Verantwortung genommen werden. Sie machen vieles falsch. Auch wir Medien reagieren längst nicht immer perfekt auf Probleme in der richtigen Weise, sei es nun die Corona-Pandemie oder die Migration.

Aber wir sollten nicht den Fehler machen, der AfD auf den Leim zu gehen und alle Schuld dem „System“ zu geben. „System“ ist nach Definition der extremen Rechten schlichtweg alles, was sie selbst nicht sind. Obwohl sie doch in Wahrheit längst genau dort angekommen sind und es sich zum Teil im „System“ ganz bequem eingerichtet haben.

Unser Einfluss ist größer als gedacht: Jeder ist gefragt

Wem unser Land am Herzen liegt, und das sind doch wohl die meisten, der sollte jeweils von seinem Platz aus das tun, was er kann. Viele Menschen in Gesundheitssystem und Schulen beherzigen das schon. Sie holen jeden Tag das Beste aus schwierigen Umständen heraus. Und sie dürfen dann auch gerne schimpfen.

Unser Einfluss ist größer, als wir denken. Mit dem Kauf von Produkten entscheiden wir über die Produktionsbedingungen. Mit jedem aufbauenden statt verstörenden Wort machen wir unserem Umfeld Hoffnung. Mit der beharrlichen Verwirklichung von Geschäftsideen stärken wir Deutschland als Standort. Der Einzelne und die kleine Gruppe sind stärker, als sie denken.