Berlin - Die letzte Schreckensmeldung kurz vor dem Einschlafen, die erste kurz nach dem Aufwachen. Wir sind bei allem, was auf der Welt geschieht, live dabei. Die Sommerpause ist tot. Harald Baumer rät in seinem Kommentar, Widerstandsfähigkeit zu trainieren.
14.08.2025 14:22 Uhr

Besonders lockt mich dieses Haus, das vollständig isoliert ist, das auf einem Hügel liegt: Man ist für sich und hat doch die Schönheit der Natur, und ich bin im Laufe der Jahre mit der Bevölkerung der ganzen Gegend so vertraut geworden, daß sie mich, wie ich glaube, nicht als einen Fremden betrachten.

Mit diesen Worten (leicht gekürzt) hat Konrad Adenauer, der erste Bundeskanzler, in einem Interview erklärt, warum er im Sommer bis zu acht Wochen Urlaub im italienischen Örtchen Cadenabbia nahe dem Comer See verbrachte. Und jetzt nochmal ganz langsam: Ein deutscher Regierungschef konnte es sich in den 60er Jahren erlauben, fast zwei Monate nicht in der Hauptstadt anwesend zu sein.

Selbst Kohl hatte noch Auszeiten

Sicher, auch Adenauer hatte die wichtigsten Helferinnen und Helfer in seiner Nähe und war in der Lage, auf Unerwartetes schnell zu reagieren. Aber trotzdem war er fernab vom politischen Betrieb. Selbst ein Willy Brandt, ein Helmut Schmidt und ein Helmut Kohl hatten noch ihre Auszeiten.

Und heute? Da kehrt niemals wirkliche Ruhe ein - weder für die Politiker noch für uns Bürgerinnen und Bürger. Atemlos verfolgen wir jeden Tag, was das mächtigste Irrlicht der Welt in Washington von sich gibt. Trump selbst scheint übrigens der einzige, der es sich leisten kann, einen guten Teil seiner Zeit bei bester Laune auf dem Golfplatz zu verbringen. Wir erhalten Nachrichten von der ukrainischen Front, wir blicken mit größter Sorge auf die Geschehnisse in Palästina. Selbst die Besetzung eines Postens am Verfassungsgericht wird im heißen August hitzig erörtert.

Um eines klarzustellen: Das hier soll kein Text eines nicht mehr ganz jungen Mannes darüber sein, wie schön es früher war. Denn in Wahrheit war gar nicht alles so schön, wie wir es uns denken. Der Hunger auf der Welt wird heute effektiver bekämpft, die medizinische Forschung ist viel weiter als damals und so weiter.

Aber eines kann tatsächlich krank machen: nicht loszukommen von minütlich eintreffenden neuen Schreckensmeldungen. Wir nehmen auf dem Smartphone quasi zeitgleich zur Kenntnis, was geschehen ist, und können doch fast nichts dagegen machen. Außer denen Geld zu spenden, die es dringend nötig haben, und die Partei zu wählen, von der wir uns die besten politischen Ansätze versprechen. Auch ein Engagement bei Amnesty International, Bund Naturschutz oder anderen Organisationen kann dazu beitragen, sich nicht ganz so hilflos zu fühlen.

Wir können uns aber auch nicht aus der Welt stehlen, wie das manche versuchen. Denn es gibt kaum einen Ort mehr, an dem uns die Folgen von russischer Aggression, Klimawandel und Zollstreit nicht erreichen würden. Der Weg muss ein anderer sein: uns selbst und unsere Kinder widerstandsfähiger zu machen, uns Haltepunkte im Alltag zu suchen, sei es mit asiatischen Meditationstechniken, mit dem christlichen Glauben oder mit dem besinnlichen Bocciaspiel, wie es Adenauer einst mit Leidenschaft praktizierte.