
Wenn man mit dem fahrbaren Untersatz über die Gustav-Adolf-Brücke fährt, kommt einem Nürnberg ziemlich hässlich vor im Angesicht jenes Meeres ausgesucht langweiliger Parkplätze, Fabrik- und Gewerbehallen. Dass das mal anders war, erahnt, wer in der Ferne das hübsche, aber einsam herumstehende Mietshaus Gustav-Adolf-Straße 61 erblickt. Erbaut um 1900, hat es sich sein originales Aussehen gut bewahrt. Tatsächlich stand der Bau und die etwas verlotterte Villa gegenüber – man sieht sie von der Brücke aus nicht – ehedem nicht einfach so rum, sondern hatten Gesellschaft in Form eines veritablen Industriepalastes.
Einheimischen ist die Industriefläche zumeist als „die VDM“ bekannt, kurz für „Vereinigte Deutsche Metallwerke“. Als Schweinau 1899 nach Nürnberg eingemeindet wurde, waren hier zwei Betriebe am Werk: Den sogenannten „Hochbau“, einen schmalen, viergeschossigen Ziegelbau mit seinem markanten Eckturm mit Uhr in der Laterne und gediegenem Bauschmuck aus Sandstein im Jugendstil (Geisseestraße 89) ließ die Leonische Drahtfabrik Kuhn 1907/09 nach Planung von Julius Leonhardt als Fertigungs- und Lagergebäude für die Produktion von Tuben erbauen. Inhaber Ernst Kuhn hatte das Unternehmen von seinem gleichnamigen Vater übernommen, die Firma aber aus Platzmangel aus ihrem angestammten Quartier am Egidienplatz Ende des 19. Jahrhunderts an die Bahnstrecke Nürnberg-Crailsheim verlegen müssen.
Schon 1897 hatte der Nürnberger Architekt Hans Pylipp an der Ecke Geissee- und Gustav-Adolf-Straße (damals noch Exerzierplatzstraße) einen repräsentativen Neorenaissance-Verwaltungsbau geplant, den das Büro Feichtinger & Scanzoni 1913-14 im Nürnberger Stil erweiterte.
Nebenan auf den Parzellen Geisseestraße 71-79 standen die Produktionshallen der 1896 gegründeten „Süddeutsche Metallindustrie AG“. 1917 übernahm das expandierende Unternehmen Gelände und Produktpalette des Nachbarn. Nach mehreren Fusionen und Übernahmen wurde es 1926 Teil des späteren VDM-Konzerns.
Stellt sich die Frage, warum von diesem Ensemble fast nichts mehr übrig ist: Nachdem sich die VDM durch unternehmerische Fehlentscheidungen selbst die Karten gelegt und das Ende des Standorts Nürnberg besiegelt hatte, geriet das Areal ins Visier der Stadt und ihres Programms zum „Gewerbeflächen-Recycling“. Dieses Recycling sah an dieser Stelle einen Baumarkt vor.
Zu blöd nur, dass das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege den Fabrikbau von 1904 bereits 1981 als Einzeldenkmal unter Schutz gestellt hatte. Der Käufer, die Baumarktkette Max Bahr, hatte auf Denkmalsanierung und Konversion oder wenigstens Verkauf des eh am Rande der Fläche stehenden Bauwerks keine Lust. Und die Stadt gab nach. Alle Proteste von Bürgerinnen und Bürgern, der Grünen-Fraktion im Stadtrat, des Landesamtes für Denkmalpflege, vor allem aber des „Bürgervereins St. Leonhard/Schweinau“ blieben ungehört, ebenso die Vorschläge zu einer denkmalverträglichen Umnutzung.
Und so gruben sich im Januar 1986 die Baggerschaufeln in den Industriepalast, nachdem ihn schon zuvor Abbruchtrupps demoliert hatten. Und wieder einmal hatte die Stadt Nürnberg, die an dem Grundstück ein Vorkaufsrecht besessen hatte, eine Riesenchance phänomenal vergeigt. Ob aus Ignoranz oder aus Angst davor, man könnte durch zu viel Selbstbewusstsein den Investor vergraulen – die Aussagen des damaligen Wirtschaftsreferenten Wilhelm Doni deuten auf Letzteres hin –, ist noch zu erforschen.
Nun werden manche einwenden: „Das waren halt die Zeiten damals!“ Nein, waren sie nicht. Dass es auch anders geht, bewiesen Bauherr und Architekt gleichzeitig mit der „Resi“ in Klingenhof, die sich durch denkmalgerechten Umbau in einen Hotspot für Kultur und Gewerbe verwandelte. Das Karma rächte sich, wenn auch spät, als Max Bahr 2013 in die Insolvenz stürzte und von Bauhaus übernommen wurde.
In der Direktorenvilla residiert heute ein Gothic-Nachtclub
Wie gesagt: Es ist fast nichts mehr übrig. Allein die um 1910 im Heimatstil erbaute Direktorenvilla der Süddeutschen Metallindustrie (Geisseestraße 71) hat überlebt und wird heute als Gothic-Nachtclub „KON71“ genutzt. Vielleicht täte die Stadt gut daran, wenigstens dieses Zeugnis Schweinauer Industriegeschichte im Fall der Fälle zu bewahren, sozusagen als Akt der Wiedergutmachung. Oder eher: Schadensbegrenzung.
Wer noch mehr über den Skandal um die VDM wissen möchte, dem sei die Lektüre der kommenden Herbst-/Winterausgabe des „Stadtteilmagazins St. Leonhard/Schweinau“ ans Herz gelegt!
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1 Kommentar
M95L
...so schafft sich eine Stadt ihre Bausünden, sehenden Auges und ohne Not. Einem Baumarkt musste ein entwicklungsfähiges Industriegebäude weichen.
Es fehlen sicherlich noch andere Beispiele. Dabei ist das Sep Ruf Gebäude der Deutschen Bank in der Karolinenstraße zu nennen, das dem historisierenden heutigen Klotz weichen mußte...
08.08.2025 11:09 Uhr