Nürnberg - Die Gegend zwischen Wöhrder See und Bahndamm hat durch die Eingriffe der letzten 70 Jahre nicht sonderlich gewonnen. Geblieben ist aber der wunderbare Tullnau-Park mit seiner Terrassenanlage.
21.07.2025 11:00 Uhr

Die Gegend zwischen Wöhrder See und Bahndamm hat, freundlich gesagt, durch die Eingriffe der letzten 70 Jahre nicht sonderlich gewonnen: Tullnau-Wirtschaft weg, Herrensitz weg, Zeltner-Brauerei weg, Milchhof weg … Viel Altes ist nicht geblieben, und recht viel schönes Neues nicht hinzugekommen, sieht man einmal von den restaurierten Bauten der Milchhof-Verwaltung, dem Kraftwerk und dem Norikus ab. Und natürlich dem wunderbaren Tullnaupark mit seiner Terrassenanlage!

Mit seinen verschiedenen Ebenen und Pergolen mit auskragenden, profilierten Balken mutet die Anlage aus armiertem Beton und Kunststein, der durch Zugabe von hellem Kalksteinmehl veredelt ist, ein wenig exotisch an. Fast erinnert sie an die Tore und Wandelgänge japanischer Shinto-Schreine und buddhistischer Tempel. Passenderweise prangt an den Gebälken auch noch die heraldische Chrysantheme. Sind die Tullnau-Terrassen also eine Japonesque? Nein. Denn wer genau hinschaut, erkennt sogleich die Balustraden, ionischen und kompositen Säulen, die viel eher an barocke Vorbilder erinnern, wenngleich auch im Sinne der 1920er Jahre spielerisch verändert.

Detail
Die reich detaillierten Bauteile der Terrassen – hier Balustrade und Pergola – wurden aus vorgeformten Betonteilen zusammengesetzt. © Sebastian Gulden

Bitte, 1920er Jahre? Ja! Die bestehenden Terrassen sind eine noch recht junge Schöpfung, die ausgerechnet in wirtschaftlich schweren Zeiten, nämlich 1921-26 entstanden ist. Ihr Stifter und Planer war kein Geringerer als Johann Georg Zeltner junior, Inhaber der Großbrauerei gegenüber. Schon sein Onkel, der berühmte Ultramarin-Mogul Johannes Zeltner, hatte den sandigen Boden hier 1851 in eine gärtnerisch gestaltete Terrassenanlage umwandeln lassen. In der Folge entwickelte sich im „Park Tullnau“ ein beliebter Freizeitpark mit Gastwirtschaft und Weiher, auf dem die Gäste Bötchen fuhren oder sich im Angeln von Karpfen und Flussbarschen maßen.

Park 1900
Von den Attraktionen des „Parks Tullnau“ auf dieser Ansichtskarte von etwa 1900, das die Gaststätte an der Ostendstraße und den Herrensitz im Kressengarten zeigt, hat nur der Weiher überlebt. © Sammlung Sebastian Gulden, A 1148

Wie so oft in seiner Nachkriegsgeschichte hat Nürnberg es hinbekommen, auch dieses Kleinod für Straßenbau und Sparzwang zu verdaddeln. Den historisch hoch bedeutsamen und vom Krieg unberührten Herrensitz im Kressengarten im Südwesten des Parks hat man nur ein Jahr nach Übernahme des Parks durch die Stadt 1954 abgerissen, während man gleichzeitig in der Altstadt Unsummen ausgab, um teils völlig vernichtete Bauten wiederaufzurichten. Da grenzt es an ein Wunder, dass die Terrassen nicht auch dem Rotstift der kulturfernen Oberpragmatiker anheimfielen. Letztere blieben eine beliebte Venue, besonders für Verliebte und frisch Vermählte. Auch Ursula und Otto Sokoll wählten die schöne Szenerie Ende August 1978 für ihre Hochzeitsfotos.

Hochzeit
Ursula und Otto Sokoll anlässlich ihrer Hochzeit 1978 auf den Terrassen. Die beiden sind noch heute glücklich verheiratet und denken gerne zurück an diesen schönen Tag im Tullnaupark. © unbekannt/Leihgabe von Ursula und Otto Sokoll

Doch selbst der stärkste Beton geht irgendwann vor Verwitterung und starken Baumwurzeln in die Knie. Nach jahrelanger Sperrung wurde die Anlage in minutiöser Arbeit in den Jahren 2016 bis 2020 sorgsam hergerichtet, stabilisiert und gereinigt. Inzwischen tummeln sich hier wieder regelmäßig Spaziergänger zum Naturgenuss, Kinder zum Fangenspielen und Verliebte für Foto-Shootings vor romantischem Hintergrund. Leider haben auch die weniger begabten Künstler die Anlage wieder für sich entdeckt und ihre unliebsamen Spuren in Form von (künstlerisch leider eher weniger ansprechenden) Graffiti hinterlassen.

Totale
Einen guten Gesamteindruck der mächtigen Terrassenanlage erhascht man eigentlich nur, wenn die Parkbäume kein Laub tragen, so wie hier im März 2015. © Boris Leuthold

Das tut der Freude allerdings keinen dauerhaften Abbruch, dass Nürnberg stolz sein darf auf dieses wunderbare Denkmal großbürgerlicher Schöpferkraft und Mäzenatentums, einem Ort für Romantiker, Kunst- und Naturgenießer gleichermaßen.

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