
Man kann es so machen wie Jens Spahn: Der würde am liebsten gar nicht nach hinten blicken, sondern einfach so weitermachen, als wäre nichts geschehen. Als frischgebackener Unions-Fraktionschef hat der CDU-Politiker auch alle Hände voll zu tun. Nach Kanzler Friedrich Merz ist Spahn die Nummer zwei in der inoffiziellen Berliner Hackordnung. Seine Arbeit hat mehr Bedeutung als die vieler Minister.
Und doch begeht Spahn gerade einen großen Fehler. Indem er wahrhaftiges Interesse an einer Aufarbeitung der Corona-Politik vermissen lässt. Durch sein Verhalten stellt er sich im Grunde den Bestrebungen entgegen, nach Jahren der durch Pandemie-Entscheidungen verursachten Zerwürfnisse wieder zu einem neuen gesellschaftlichen Konsens beizutragen.
Endlich wurde nun doch eine Kommission auf den Weg gebracht
Genau diese Aufgabe liegt nun vor der endlich von der schwarz-roten Regierung einberufenen Enquete-Kommission - dieses Gremium soll herausfinden, welche der vielen Corona-Maßnahmen sinnvoll waren. Und im Umkehrschluss eben auch klar benennen, was Unsinn war. Wohlgemerkt aus heutiger Sicht, mit dem heutigen Wissen.
Es geht also nicht darum, die damals aktive Politikergeneration vorzuführen. Nein, es geht um sachlich-nüchterne Nachbearbeitung. Diese dient zwei Zielen: Erstens muss die nächste Pandemie vorbereitet werden. Dass eine solche Corona-2.0-Situation kommt, halten Virologen für sehr wahrscheinlich. Offen ist lediglich der Zeitpunkt. Schulen, das könnte eine der Erkenntnisse dieser Kommission sein, dürfen dann eben nicht wieder so leichtfertig dicht gemacht werden wie das vor wenigen Jahren der Fall war. Allein die psychosozialen Folgen für eine ganze Schülergeneration sind verheerend - und teuer.
Zweitens, und dieser Aspekt ist wohl noch wichtiger, muss endlich ein Anlauf unternommen werden, gesellschaftlichen Frieden wiederherzustellen. Corona hat unsere Gesellschaft gespalten - bis heute sind die Folgen greifbar. Da gibt es das stattliche Lager der Enttäuschten, die sich - vielleicht in ihrem Zögern, sich impfen zu lassen, vielleicht, weil sie generell sich vom Staat nicht alles vorschreiben lassen wollen - nicht gesehen fühlen.
Diese Enttäuschten sind politisch teilweise den Populisten auf den Leim gegangen, teilweise setzen sie ihren Fundamentalwiderstand durch Demonstrationen weiter fort. Kurzum: Die Protestwelle ist bei weitem nicht abgeebbt - auch Jahre nach Ende der Corona-Pandemie.
Womit wie wieder bei Spahn angelangt wäre: Der, das muss betont werden, spielte als Bundesgesundheitsminister eine Schlüsselrolle während der Pandemie. Insofern wäre es gewiss zu einfach, ihn als alleinigen Sündenbock an den Pranger zu stellen. Und doch müssen die Fehler Spahns - womöglich auch beim Kauf von Masken - benannt werden. Erst danach kann Spahn entscheiden, ob ein Weiter-so angemessen ist - oder eventuell ein Rücktritt von seinem herausgehobenen Job ins Kalkül gezogen werden sollte.

1 Kommentar
gh
Sinnlos. Bringt die gegen den Strich Gebürsteten auch nicht wieder zurück in die bundesrepublikanische Mitte (der sie vorher vmtl. auch nur scheinbar angehörten), weil die Aufarbeitung auch nicht deren radikale Wunschergebnisse zeitigen wird und somit weiterer Verschwörungsnährboden wäre.
29.06.2025 10:29 Uhr