
Die Dimension der neuen Nord-Süd-Verbindung durch Franken ist gewaltig: Es ist, als ob auf rund 115 Kilometern Länge zwei neue Juraleitungen direkt nebeneinander stünden. Je zwei Stromkreise mit 380 Kilovolt (kV) werden sich auf jeder der beiden parallelen Leitungen wiederfinden. „Maximal kann da ein Vielfaches der Leistung transportiert werden, die eine Stadt wie München braucht“, verdeutlicht Wolfgang Weinseis, Referent für Bürgerbeteiligung beim Übertragungsnetzbetreiber Tennet.
„Westbayernring“ heißt das Projekt, und was zunächst so nach Altbayern klingt, geht tatsächlich mitten durch Franken. Schon heute gibt es dort eine Tennet-Höchstspannungsleitung. Sie führt vom Umspannwerk Raitersaich im Landkreis Fürth vorbei an Heilsbronn, Neuendettelsau, Abenberg, Georgensgmünd, Heideck, Nennslingen und Burgsalach bis zu einem Umspannwerk bei Ingolstadt.
Darum sind beim Westbayernring zwei parallele Leitungen nötig
Auf diesen 60 bis 70 Meter hohen Strommasten befinden sich zwei 380-kV-Stromkreise und ein 220-kV-Stromkreis. Zum Vergleich: Die alte Juraleitung hat zwei Stromkreise mit 220 kV, die neue Juraleitung wird zwei 380-kV-Stromkreise mit sich führen. Schon die bestehende Stromleitung hier ist also leistungsfähiger als die künftige Juraleitung.
Die wichtige Nord-Süd-Verbindung von Tennet soll aber weiter verstärkt werden und künftig die doppelte Leistungsfähigkeit der neuen Juraleitung haben. Das geht aber nicht mehr mit einer einzigen Leitung. „Es sind keine vier 380-kV-Systeme auf einem einzigen Mast möglich“, betont Weinseis. Die Bedrohung für die Netzsicherheit wäre so viel zu groß. Sollten beispielsweise Reparaturen an einem Stromkreis nötig sein, würden gleich mehrere ausfallen. „Das wäre eine massive Belastung für das restliche Netz“, erklärt Weinseis.
Deshalb soll direkt neben die bestehende Leitung eine weitere Höchstspannungsleitung gestellt werden. Technisch ist ein Abstand von 60 Metern von Mastmitte zu Mastmitte nötig. Tennet darf nur in einem Korridor, der um höchstens 200 Meter über diese 60 Meter hinausgeht, nach möglichen Trassenverläufen suchen. Abweichungen davon sind nur bei einem „zwingenden Grund“ zulässig. Ein geringer Abstand zu Wohnhäusern zählt nicht als zwingender Grund.
Westbayernring kommt Wohnhäusern näher als 200 Meter
Wenn Wohnbebauung nicht direkt überspannt wird, wenn Grenzwerte für Schall sowie elektrische und magnetische Felder nicht gerissen werden, darf die Leitung näher als die oft empfohlenen 200 oder 400 Meter an Wohnhäuser heranrücken – und wird das in vielen Fällen auch tun.
„Das ist der mit Abstand längste Parallelbau von Höchstspannungsleitungen in Bayern“, räumt Weinseis ein. Bisher gibt es das im Freistaat nur in einigen wenigen Fällen über eine Handvoll von Kilometern, nicht aber über rund 115 Kilometer wie beim Westbayernring. In Norddeutschland gibt es solche langen Parallelbauten aber bereits.
Um das Risiko für Stromausfälle bei Reparaturen zu minimieren, soll die neue Leitung die alte nicht kreuzen. Wie jetzt erstmals kommuniziert wurde, soll die neue Trasse östlich davon aufgebaut werden. Das ist ohnehin naheliegend, weil der neue Teil des Westbayernrings vor Ingolstadt nach Osten abzweigt, um seinen Endpunkt in einem neu zu bauenden Umspannwerk im Raum Vohburg/Oberdolling/Großmehring zu erreichen.
Details zum Trassenverlauf des Westbayernrings
Bei einigen wenigen Orten lässt sich eine Umzingelung durch die Leitungen wohl nicht vermeiden. Im Röttenbacher Ortsteil Niedermauk (Landkreis Roth) und auch beim Raitenbucher Gemeindeteil Sankt Egidi (Landkreis Weißenburg-Gunzenhausen) soll eine Leitung westlich und die andere östlich der Dörfer verlaufen.
Besonders einigen Einzelgebäuden kommt der neue Westbayernring an einigen Stellen extrem nah, und auch einigen wenigen Dörfern, so etwa dem Windsbacher Ortsteil Brunn oder dem Abenberger Gemeindeteil Obersteinbach ob Gmünd. An mehreren Stellen soll überdies die alte Leitung leicht verlegt werden, um die neue noch daneben unterzukriegen, zum Beispiel bei Müncherlbach (Landkreis Ansbach) oder bei Dürrenmungenau (Landkreis Roth). Großräumige Verlegungen längerer Abschnitte der alten Leitung sind aber aus Kostengründen nicht möglich.
Besonders kniffelig wird es zwischen Georgensgmünd und Röttenbach, wo Tennet derzeit noch mit verschiedenen Varianten plant. Dort wird unter anderem an mehreren Stellen Sand abgebaut und es ist noch unklar, wo in einigen Jahren Strommasten aufgestellt werden können. Fest steht aber: Die neuen Masten werden 50 bis 60 Meter hoch sein. Die alten, rund zehn Meter höheren Masten bleiben stehen, der unterste Stromkreis mit den 220 kV wird dort aber abmontiert.
Gesundheitliche Ängste vor der neuen Parallelleitung will Tennet-Sprecher Markus Lieberknecht zerstreuen: „Die Felder verdoppeln sich dadurch nicht, sie überlagern sich nur und werden breiter“, erklärt er. Da die Menschen hier schon seit fast 50 Jahren neben einer 380-kV-Leitung leben, hofft er auf weniger Sorgen in der Bevölkerung als entlang der neuen Juraleitung. „Die Menschen hier haben nicht so eine diffuse Angst wie etwa in Moorenbrunn oder Kornburg. Die leben schon lange damit und gehen ganz anders damit um“, sagt er.
Westbayernring: Weniger Widerstand als bei der Juraleitung?
Er ist auch guter Dinge, dass es beim Westbayernring weniger Widerstand gibt als bei der Juraleitung – obwohl man deutlich näher an die Wohnhäuser heranrückt. „Im Nürnberger Land kommt der Protest ja aus einer Situation und einer Zeit von vor zehn Jahren. Heute erkennen viel mehr Menschen die Notwendigkeit und sehen die fehlenden Einspeisemöglichkeiten für die erneuerbaren Energien“, glaubt der Tennet-Vertreter.
Bisher gibt es beim Westbayernring laut Tennet nur eine einzige Bürgerinitiative mit sehr lokalem Hintergrund. „Dass die Menschen nicht glücklich sind über die neue Leitung, ist klar und legitim. Aber viele haben verstanden, dass es besser ist, sich konstruktiv zu beteiligen, als nur Feuer zu schüren“, betont Tennet-Bürgerreferent Wolfgang Weinseis.
Mitte 2025 will der Übertragungsnetzbetreiber die Unterlagen mitsamt verschiedener Korridor-Varianten zur Raumverträglichkeitsprüfung einreichen, im Februar 2026 rechnet er mit einer Antwort. Dann beginnen die Feintrassierungen und die Bodenuntersuchungen. Gebaut werden soll der Westbayernring von 2031 bis 2037.
Bürgerbeteiligung bei Infomärkten
Die geplanten Trassenkorridore für den Westbayernring soll man ab dem 28. März auf einer interaktiven Karte unter www.tennet.eu/de/projekte/westbayernring sehen können. Dort kann man sich auch für einen Newsletter zum Projekt anmelden.
Tennet-Bürgerreferent Wolfgang Weinseis betont, dass auch die dort angezeigten Korridore noch nicht endgültig sind und ruft zur Beteiligung auf: „Wir brauchen eine gemeinsame Wissensbasis. Auch für informelle Vorschläge bin ich jederzeit offen“, sagt er.
Eine Möglichkeit dafür gibt es schon bald auf Infomärkten zum Projekt. Jeweils von 15 bis 19 Uhr finden diese am Montag, 31. März, in Neuendettelsau (Landhotel Sonne, Hauptstraße 43), und am Dienstag, 1. April, in Weißenburg (Städtischer Wildbadsaal, Wildbadstraße 11) statt.
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