
Wer die Hoffnung gehegt hatte, dass spätestens nach der verunglückten Documenta 2022 das Thema Kultur und Antisemitismus befriedet werden könnte, muss bitter enttäuscht sein: Das Finale der Berlinale wirkt fast wie eine Kopie der Kassler Kunstausstellung. Hier wie da: Mehr oder weniger offen zur Schau getragener Antisemitismus vor den Augen der Weltöffentlichkeit.
Ehe Kritiker nun einwerfen "Aber wir leben doch in einem Klima, das von Meinungsfreiheit geprägt ist", sei folgendes gesagt: Ja, in unserer Gesellschaft ist Raum für viele Positionen, auch krude Aussagen sind möglich. Und es darf auch die israelische Politik im Gaza-Streifen kritisiert werden.
Eines geht allerdings nicht: Solche Aussagen nicht in den Kontext des brutalen Terrorangriffs der Hamas zu rücken. Genau diesen Hinweis auf den 7. Oktober 2023 haben die Künstler, die beim Berliner Filmfestival für Palästina Partei ergriffen haben, keineswegs vergessen, vielmehr passte er nicht in ihr Weltbild. Deshalb hätte die Festivalleitung auf offener Bühne unmittelbar eingreifen und die Ursache des Leids im Gaza-Streifen benennen müssen. Bildungsministerin Bettina Stark-Watzinger (FDP) spricht zurecht von "Täter-Opfer-Umkehr auf offener Bühne".
Die nun nachgeschobenen Entschuldigungen wirken aufgesetzt. Deutschland hat den nächsten Kulturskandal. Der Zentralrat der Juden beklagt zurecht, dass "schon wieder eine der wichtigsten Kulturveranstaltungen in Deutschland für ideologische Hetze gegen Israel und Juden missbraucht" worden ist.
Es gibt akuten Handlungsbedarf für die zuständige Kulturstaatsministerin Claudia Roth. Die Grünen-Politikern muss ein besseres Krisenmanagement an den Tag legen als dies bei der Aufarbeitung der Documenta-Fehltritte der Fall war.
Den politischen Flurschaden begrenzen, das ist die eine, die unmittelbar anzugehende Folge der Berlinale. Wesentlich komplexer dürfte sich der dringend gebotene Diskurs über das offenbar in weiten Teilen der Kunstszene etablierte Narrativ einer pro-palästinensischen Haltung sein.
Nach dem 7. Oktober gab es kaum israelfreundliche Solidaritätsbekundungen, die Zurückhaltung war spürbar. Offenbar passt das Vorgehen der Hamas-Terroristen nicht ins Weltbild einiger Kulturmanager. Das Staatstheater Nürnberg war eine der wenigen Ausnahmen im bundesweiten Kulturbetrieb: Dort zögerte Staatsintendant Jens-Daniel Herzog nicht lange und ließ als Akt der Solidarität kurz nach dem 7. Oktober Israel-Flaggen vor dem Opernhaus aufziehen. So einfach und so unmissverständlich kann Haltung demonstriert werden.
Die scheidende Festivalleitung der Berlinale hat eine Chance verpasst, die neue Führung eine Verpflichtung geerbt. Für antisemitische Äußerungen ist kein Platz auf deutschen Bühnen.




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