
Unprätentiös und zugewandt. Wer Ilse Aigner begegnet, dem kommen solche Attribute in den Sinn. Denn die 61-Jährige ist wohltuend anders als viele ihrer Berufspolitiker-Kollegen. Sie hört zu, ist empathisch und somit bestens qualifiziert für höhere Aufgaben. Genau dafür wird sie nun vor der Union nominiert - Ilse Aigner soll Ende Januar zur Bundespräsidentin gewählt werden und wenige Monate später die Nachfolge von Frank-Walter Steinmeier antreten.
Zweifel an ihrer Wahl sind auszuschließen. Dazu liegen jetzt schon zu viele belastbare Beifallsbekundungen aus weiten Teilen der politischen Mitte vor. Von etlichen CDU-Ministerpräsidenten angefangen über sozialdemokratische Befürworter bis hin zu Zustimmung aus dem grünen Lager reicht die Fanbase von Aigner - ein mehr als solides Wahlergebnis ist demzufolge in der Bundesversammlung bereits im ersten Wahlgang zu erwarten.
Bayerns Landtagspräsidentin Ilse Aigner erhält Vorschusslorbeeren - Diverse Ämter gemeistert
Die Oberbayerin hat sich diese Vorschusslorbeeren buchstäblich verdient - indem sie über Jahre hinweg ohne jedwede Spuren von Arroganz ihre diversen politischen Ämter ausgeübt hat. Ob als Ministerin in Berlin, ob als Abgeordnete im Maximilianeum, als CSU-Bezirksvorsitzende oder als Landtagspräsidentin, sie blieb stets eine normale Frau ohne Starallüren. Gesprächs- und Autogrammwünschen nach Terminen begegnet sie ebenso mit stoischer Ruhe wie Störmanövern.
Wobei sie bei Letzteren durchaus unter Beweis stellen konnte, dass sie auch konsequent sein kann. Aigner hat die regelmäßig auf Krawall gebürstete AfD-Fraktion im bayerischen Landtag fest in den Griff bekommen. Durch klare Ansagen und - als das unanständige Benehmen einzelner AfD-Mandatsträger die Grenzen des Erträglichen überschritten hatte - durch das Verhängen von Ordnungsgeldern. Aigner hat unter Beweis gestellt, dass die Mitte keineswegs hilflos den Provokationen der Rechtspopulisten ausgeliefert sein muss.
Welche Fähigkeiten Ilse Aigner zur idealen Besetzung als Bundespräsidentin machen
Beide Eigenschaften, ihre Fähigkeit zur Empathie und ihre konsequente Haltung bei Angriffen gegen die Demokratie, machen Aigner zur idealen Besetzung. Denn in Zeiten der Polarisierung, in denen die Menschen in Deutschland immer mehr in teils sich unversöhnlich gegenüberstehende Lager separiert sind, braucht es eine Zuhörerin, die am Ende auch wieder zusammenführen kann. Amtsinhaber Steinmeier hat dies zwar ebenfalls intensiv versucht, die Nähe, zu der eine Ilse Aigner fähig ist, konnte er jedoch nur in den seltensten Fällen aufbauen.
Was auch an der ungewöhnlichen Vita der designierten Bundespräsidentin liegen könnte. Aigner wäre nicht nur die erste Frau im Amt, sie wäre zudem nach langer Pause wieder eine Präsidentin ohne Studium. Nur Johannes Rau (1999-2004) und Walter Scheel (1974-1979) amtierten bislang ohne akademische Weihen im Schloss Bellevue. Aigner hat nach der Mittleren Reife eine Lehre absolviert. Als Radio- und Fernsehtechnikerin bildete sie sich danach fort und wurde schließlich Elektrotechnikerin. Stets lebte sie dabei in ihrem Geburtsort.
Bodenständige Vita, Kommunikation auf Augenhöhe - aber fehlender „Killerinstinkt“?
Diese bodenständige Vita verleiht ihr mehr Glaubwürdigkeit als die aufgesetzte Freundlichkeit, mit der andere Politiker zu punkten versuchen. Denn Aigner hat sich nie über die Menschen gestellt, sie hat stets auf Augenhöhe zu kommunizieren versucht. Dieser Charakterzug hat ihr wohl auch andere Karriereoptionen verwehrt. Denn die CSU-Politikern hätte durchaus das Zeug zur Ministerpräsidentin gehabt, nach eigener Einschätzung war es der fehlende „Killerinstinkt“, der sie daran hinderte, etwa mit einem Markus Söder, Prototyp des Machpolitikers, in den Nahkampf zu gehen.
Umso erstaunlicher, dass Söder nun zu ihrem größten Fürsprecher mutiert ist. Der Nürnberger hat Aigner beharrlich innerhalb der Union durchgeboxt, anfängliche Widerstände überwunden. Das überrascht, denn Aigners Kandidatur beendet alle Träume Söders, dereinst doch noch Bundeskanzler zu werden. Zwei Christsoziale in Spitzenämtern auf Bundesebene, das ist mit der ohnehin angeschlagenen CDU schlicht auszuschließen.
Bleibt die Frage, warum Bundeskanzler Friedrich Merz in der Aigner-Nominierung durch allzu lange Zurückhaltung aufgefallen ist. Der CDU-Vorsitzende kann nun nicht anders als die CSU-Kandidatin durchzuwinken und erweckt erneut den Eindruck, die Dinge nicht vollständig im Griff zu haben.
Aigner kann das egal sein. Sie erhält einen Job, der ihr auf den Leib geschneidert ist. Beim Talk anlässlich der Verleihung des NN-Demokratiepreises antwortete sie kürzlich auf die Frage, welche Farbe Demokratie denn habe: „Bunt.“ Genau das ist ihre Stärke, nicht in schwarz-weiß Kategorien zu denken und genau eine solche Frau braucht das Land in Zeiten wie diesen. Ilse Aigners Nominierung ist deshalb eine gute Wahl!


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