München - Politiker müssen funktionieren, überall und immer präsent sein und keine Schwäche zeigen. Unsere Erwartungshaltung hat das System pervertiert, sie fordert Opfer. Es wird Zeit für ein Umdenken, kommentiert Roland Englisch.
06.11.2026 12:59 Uhr

Noch herrscht keine absolute Gewissheit, woran Hubert Aiwanger gestorben ist. Doch es zeichnen sich gesundheitliche Probleme ab. Parteifreunde sprechen von einem Infekt, den er seit Wochen mit sich geschleppt, nie aber auskuriert habe. Es wäre eine weitere tragische Wendung in einem ohnehin tragischen Fall.

Wer den Politikbetrieb beobachtet, sieht, wie brutal der Raubbau ist, den seine Protagonistinnen und Protagonisten an ihrer Gesundheit betreiben. Und es drängt sich die Frage auf, warum das so ist, warum sie das wider besseren Wissens tun. Die Antwort ist deprimierend einfach: Weil wir es so wollen, weil das Publikum aus Medien, Wählern und Nichtwählern das ganz selbstverständlich erwartet.

Wie gut kann eine Politik sein, die erschöpfte Menschen verantworten?

Ein Politiker, der nicht jedes Wochenende durch seinen Stimmkreis tingelt, gilt schnell als faul oder unnahbar. Eine Politikerin, die tatsächlich in Urlaub geht und nicht erreichbar ist, abschaltet und sich erholt, wird dafür wenig Verständnis ernten. Als im Sommer der deutsche Kanzler gute drei Wochen von der Bildfläche verschwunden war, stieg die Empörung in neue Höhen.

Klar, es gibt Protagonisten, die rühmen sich, dass sie allenfalls ein paar Tage frei nehmen. Und selbst dann melden sie sich ständig zu Wort. Es gibt die, die behaupten, sie kämen mit fünf Stunden Schlaf bestens aus. Und dann sind da jene, die stolz erzählen, wie sie in zwölf- und noch mehr -stündigen Marathonsitzungen die Gegenseite morgens um vier niedergerungen haben.

Das sind die Menschen, die über unser Schicksal entscheiden. Wie gut ein Kompromiss sein kann, den erschöpfte Verhandler im Morgengrauen erreicht haben, steht auf einem anderen Blatt. Während wir Busfahrern oder Lkw-Lenkern natürlich Ruhezeiten vorschreiben, schon aus Sicherheitsgründen, während jeder Tarifvertrag den Urlaub regelt und gesetzlich abgesichert ist, dass wir ihn auch genießen dürfen, gestehen wir das unseren Politikern nicht zu. Wir werten sie ab, wenn sie Schwäche zeigen oder auch nur Ruhebedürfnis.

Ein Minister hat mal gesagt: „Wenn du blutest, wirst du gefressen.“ Wer Schwäche zeigt, geht unter. Horst Seehofer hat trotz Grippe gearbeitet, bis er um ein Haar an einer Herzmuskelentzündung gestorben wäre. Markus Söder hat seine Hüft-OP endlos hinausgezögert - und dann den ärztlichen Rat zur Reha ausgeschlagen, weil er keine Bilder auf Krücken von sich sehen wollte. Andere haben bis zur totalen Erschöpfung gearbeitet, bis zum Burnout. Erst dann durften sie eingestehen, dass der Dauerstress zu viel war. Und gehen. Hätten sie sich früher zurückgenommen, sie wären womöglich noch im Amt.

Hubert Aiwanger hat seine Familie in den Kurzurlaub geschickt und gearbeitet, obwohl er sich nicht gut gefühlt hatte. Bis es zu spät war. Darüber sollten alle nachdenken, die verächtlich auf die Politiker blicken, ihnen keine Schwäche zugestehen. Ihr Job ist gnadenlos, weil wir die Gnadenlosen sind. Das müssen wir ändern.